Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung, DeGÖB-Tagung 2017

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Die Sorge um die Vorsorge: Vermögensbildung und Altersvorsorge als intentionales oder inzidentelles Feld schulischer finanzieller Allgemeinbildung?
Vera Dr. Kirchner

Gebäude: Helsinki
Raum: 166
Datum: 03.03.2017 09:45 – 10:20
Zuletzt geändert: 13.11.2016

Abstract


Vermögensbildung und Altersvorsorge sind zentrale Herausforderungen, die heute ein erhebliches Maß an Eigenverantwortung und Vorausschau von Heranwachsenden und jungen Erwachsenen fordern. Im Gegensatz zu älteren Generationen verlangen die in den 2000er Jahren beschlossenen Rentenreformen einen nicht erheblichen Verzicht von Konsum in der Gegenwart und Entscheidungen für individuell geeignete Vorsorgemodelle, um einen angemessenen Lebensstandard im Alter zu sichern. Finanzielle Vorsorgeentscheidungen gilt es dabei frühzeitig anzugehen, wobei insbesondere Berufseinsteigerinnen und -einsteiger sich heute gleichzeitig mit unsicheren Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt konfrontiert sehen. Trotz oder vielleicht auch wegen der schwierig zu überblickenden Vielzahl  von Finanzprodukten sorgt nur ein kleiner Teil der heute jungen Erwachsenen bereits für das Alter vor. Die hieraus vermutlich resultierende Gefahr der Altersarmut ist dabei nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Da beispielsweise in Anlehnung an den LSQ-Ansatz (vgl. Steinmann 1997) insbesondere solche Lebenssituationen zum Gegenstand des Wirtschaftsunterrichts gemacht werden sollen, von denen ein besonderes Potential oder eine besondere Gefährdung für die Heranwachsenden ausgehen, qualifiziert sich das Feld Vermögensbildung und Altersvorsorge als zentrales Handlungsfeld der finanziellen Allgemeinbildung bzw. ökonomischen Bildung. Die Frage der Altersvorsorge ist darüber hinaus vor dem Hintergrund der geänderten Rahmenbedingungen vielleicht sogar als ein zentrales gesellschaftliches Schlüsselproblem unserer Zeit anzusehen, wenn man die Prognosen zur Altersarmut in Deutschland betrachtet. Aus didaktischer Perspektive liegt eine besondere Herausforderung darin, dass es sich hierbei um eine weit in der Zukunft liegende Lebenssituation handelt, die die Schülerinnen und Schüler aktuell kaum betrifft. Die sogenannte Gegenwartsfixierung und Zeitinkonsistenzen erschweren hierbei rationale Vorsorgeentscheidungen (vgl. Traxler/Hurrelmann 2016, S. 78ff.) Gleichwohl hat die Schule als allgemeinbildende Instanz hier eine besondere Verantwortung und Möglichkeiten, da sie eine breite Zielgruppe verpflichtend und frühzeitig erreicht.

Erkenntnisinteresse des vorliegenden Beitrags ist es, vor dem Hintergrund (1) einer Analyse empirischer Ergebnisse zum Thema Jugend und Vorsorge (vgl. u.a. MetallRente Studie 2016) sowie (2) fachdidaktischer Modelle zur Finanziellen Allgemeinbildung bzw. ökonomischen Bildung (vgl. u.a. Friebel/Kaminski 2012, Schlösser et al. 2011, Seeber et al. 2012) sowie (3) einer exemplarischen Lehrplananalyse zu ermitteln, inwiefern und inwieweit die Themen Vermögensbildung und Altersvorsorge, die notwendigerweise gemeinsam betrachtet werden sollten, intentionaler oder nur inzidenteller Bestandteil schulischer ökonomischer Allgemeinbildung sind. Herauszufinden gilt es hierbei, ob und wie das Thema curricular verankert und kontextualisiert wird oder ob für diese Lebenssituation relevante ökonomische Kompetenzen bestenfalls en passant erworben werden können. An diese Bestandsaufnahme anknüpfend sollen fachdidaktische Überlegungen zur Integration und gelingenden Umsetzung des Themas in den Wirtschaftsunterricht vorgestellt werden, die die Herausforderung der ausgeprägten Zukünftigkeit des Themas für Schülerinnen und Schüler reflektiert.

 

Hurrelmann, Klaus/Karch, Heribert, Traxler, Christian (2016) (Hg.): MetallRente Studie 2016. Jugend, Vorsorge, Finanzen. Zwischen Eigenverantwortung und Regulierung – Lösungsansätze in Deutschland und Europa. Weinheim.

 

Kaminski, Hans/Friebel, Stephan (2012): Arbeitspapier Finanzielle Allgemeinbildung. Abrufbar unter: http://www.ioeb.de/positionspapiere (letzter Zugriff 20.07.2016).

 

Schlösser, Hans-Jürgen/Neubauer, Maria/Tzanova, Polia (2011): Finanzielle Bildung. In: APuZ, 12/2011, S. 21-27.

 

Seeber, Günther/ Retzmann, Thomas/ Remmele, Bernd/ Jongebloed, Hans-Carl: Bildungsstandards der ökonomischen Allgemeinbildung. Kompetenzmodell - Aufgaben – Handlungsempfehlungen, Schwalbach/Ts.

Steinmann, Bodo (1997): Das Konzept Qualifizierung für Lebenssituationen im Rahmen der ökonomischen Bildung heute. In: Klaus-Peter Kruber (Hg.): Konzeptionelle Ansätze ökonomischer Bildung. Bergisch Gladbach, S. 1-22.

 

Traxler, Christian/ Hurrelmann, Klaus (2016): Eigeninitiative oder sanfter Paternalismus? In: Hurrelmann, Klaus/Karch, Heribert, Traxler, Christian (Hg.): Die Rolle von Nudging für die Altersvorsorge. In: MetallRente Studie 2016. Jugend, Vorsorge, Finanzen. Zwischen Eigenverantwortung und Regulierung – Lösungsansätze in Deutschland und Europa. Weinheim, S. 77-87.