Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung, DeGÖB-Tagung 2017

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Das Implizite heben. Stereotype Berufswahlentscheidungen von Jugendlichen
Georg Tafner, Gernot Dreisiebner, Michaela Stock, Manuela Paechter, Silke Luttenberger

Gebäude: Helsinki
Raum: 164
Datum: 02.03.2017 09:45 – 10:20
Zuletzt geändert: 13.11.2016

Abstract


Lernen ist Teil des menschlichen Daseins und ereignet sich intentional oder nicht intentional, formal oder informell, es kann explizit oder implizit erfolgen. Es ist Bestandteil der Erziehung, Sozialisation und Enkulturation. Anders gesagt: Der Mensch ist sich oftmals gar nicht bewusst, was er alles gelernt hat bzw. was er alles weiß. Das Implizite und Latente strukturieren unser Leben mehr als es uns oft bewusst ist und spielen bei Handlungen eine wesentliche Rolle (vgl. Senge 2006; Scott 2001). So auch bei der Wahl unseres Berufes.

Eine Möglichkeit, solche impliziten und latenten Orientierungsmuster zu heben, bietet die dokumentarische Methode, die auf die Wissenssoziologie Karl Mannheims (1964) zurückgeht und der qualitativ-rekonstruktiven Sozialforschung zuzuordnen ist (vgl. Schäffer 2012, 196; Bohnsack & Krüger 2005, 187; Nohl 2009). Sie „dient der Rekonstruktion der praktischen Erfahrungen von Einzelpersonen und Gruppen, in Milieus und Organisationen, gibt Aufschluss über die Handlungsorientierungen, die sich in der jeweiligen Praxis dokumentieren, und eröffnet somit einen Zugang zur Handlungspraxis“ (Nohl 2009, 8). Mannheim (1964) spricht von zwei verschiedenen Sinnebenen von Berichten: Erfahrungsberichte von Menschen haben einen wörtlichen, expliziten Sinn und einen impliziten, den Dokumentsinn, der mit Hilfe dieser Methode gehoben werden soll (vgl. Nohl 2009, 8).

Der Beitrag eröffnet mit einer überblicksartigen Vorstellung des Gesamtprojektes mit seinem Mix-Methods-Ansatz, aus dem dieser Beitrag seine Erkenntnisse schöpft. Anschließend wird das Sampling für die qualitativ-rekonstruktive Studie erörtert und die dokumentarische Methode ausführlicher dargelegt, die versucht, durch ihre schrittweise, sequentielle Kontrastierung von Gruppen- und Einzelinterviews, das sogenannte atheoretische Wissen nach Mannheim bzw. die Orientierungsrahmen der Probandinnen und Probanden durch reflexive Interpretation zu heben.

Am Beispiel der Berufswahl von Jugendlichen wird gezeigt, wie durch gezieltes methodisches Vorgehen, das Latente, Implizite und Atheoretische gehoben werden soll. Die ersten Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass Steoreotype bei der Berufswahl selbst bei jenen Jugendlichen, die atypische Berufe wählen, implizite, durch Erziehung, Sozialisation und Enkulturation gelernte Haltungen und Denkweisen sind, die die Entscheidung zur Berufswahl und das Denken über Berufe mit beeinflussen.