Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung, DeGÖB-Tagung 2017

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Wirtschaftliches Verstehen als Notwendigkeit einer reflexiven Wirtschaftsdidaktik
Yvette Keipke, Alexander Lenger

Gebäude: Helsinki
Raum: 166
Datum: 02.03.2017 10:50 – 11:25
Zuletzt geändert: 13.11.2016

Abstract


In der ökonomischen Bildung ist es hinreichend belegt, dass die intentionale ökonomische Kompetenzentwicklung insbesondere von vier Faktoren abhängt: dem kognitiven Entwicklungsstand, dem generellen Bildungsniveau, dem Geschlecht sowie dem sozioökonomischen Status der Eltern. Ungeklärt ist hingegen der inzidentelle Lernzusammenhang zwischen ökonomischer Kompetenz, gesellschaftspolitischen Komponenten und moralischer Reflexion. So spielt die Frage nach dem Zusammenhang zwischen ökonomischer Bildung (Quadranten I und II) und normativer Urteilsfähigkeit (Quadranten III und IV) - wenn überhaupt - eine untergeordnete Rolle. Ausgehend von der Einsicht, dass es das primäre Ziel ökonomischer Bildung ist, Schülerinnen und Schüler zu informierten und reflexiven Mitgliedern einer aktiven Bürgergesellschaft zu befähigen, richtet sich unser Forschungsinteresse auf diesen Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Verstehen und moralischer Urteilsfähigkeit (also das Zusammenspiel zwischen den vier skizzierten Quadranten). Um vollwertiges Mitglied einer (marktlich geprägten) Gesellschaft zu werden und in der Lage zu sein, normative Urteile zur weiteren Gestaltung einer solchen Gesellschaftsordnung formulieren zu können, müssen Schülerinnen und Schüler in die Lage versetzt werden, ökonomische Prozesse in ihrer sozialen Einbettung zu verstehen.

Ein solches ganzheitliches Sinn-Verstehen von Wirtschaft unterscheidet sich aber signifikant von der in der Literatur üblicherweise verwendeten Kategorie ökonomischer Handlungskompetenz. Entsprechend sollen in dem Vortrag verschiedene Lösungsansätze diskutiert werden, die zu einer theoretischen und konzeptionellen Klärung des Spannungsverhältnisses zwischen formalem und informellem sowie intentionalem und inzidentellen Lernen beitragen können. Im Kern zielen die Überlegungen darauf ab, dem Begriff der ökonomischen Kompetenz das Konzept des wirtschaftlichen Verstehens an die Seite zu stellen, das im Ziel auf die reflexive Wahrnehmung, Beurteilung und Gestaltung der wirtschaftlichen Ordnung ausgerichtet ist. Eine solche Perspektive ist geeignet, das Spannungsverhältnis zwischen den verschiedenen Quadranten konzeptionell zu erhellen. In dem Vortrag werden entsprechende Argumente präsentiert, die zeigen, dass ein solches Sinn-Verstehen ökonomischer Prozesse die Grundlage zu reflexiven Urteilen über die Wirtschaftsordnung bildet und somit den konzeptionellen Ansatzpunkt für eine ökonomische Bildung als Gesellschaftstheorie liefert.