Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung, DeGÖB-Tagung 2018

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Forschungsfrei? Wissenschaftspropädeutik als Herausforderung für ökonomische Bildung und Wirtschaftsunterricht
Vera Kirchner

Gebäude: Freiburg im Breisgau
Raum: R3
Datum: 27.02.2018 09:00 – 11:00
Zuletzt geändert: 09.01.2018

Abstract


Wissenschaftspropädeutische Bildung ist neben einer vertieften Allgemeinbildung und allgemeiner Studierfähigkeit laut der KMK-Vereinbarung zur Gestaltung der gymnasialen Oberstufe eine der vornehmsten Aufgaben der Sekundarstufe II (vgl. KMK 2016, S. S. 5). In erster Linie werden auch an dieser Stelle die hier als "basal" bezeichneten Fächer Deutsch, Fremdsprache und Mathematik in der didaktischen Verantwortung gesehen. An nachgeordneter Stelle werden dann die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer genannt, die "[...] exemplarisch in wissenschaftliche Fragestellungen, Kategorien und Methoden [einführen] und eine Erziehung [vermitteln], die zur Persönlichkeitsentwicklung und -stärkung, zur Gestaltung des eigenen Lebens in sozialer Verantwortung sowie zur Mitwirkung in der demokratischen Gesellschaft [befähigen sollen]."

Wissenschaftspropädeutik kann nach Müsche (2009) als eine exemplarisch angelegte  "Anbahnung" wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens  verstanden werden, die neben den Möglichkeiten auch die Grenzen von Wissenschaften aufzeigen soll (ebd., S. 67). Dabei ist Wissenschaftspropädeutik zunächst ein allgemeindidaktisches Prinzip, welches für alle Fächer gleichermaßen Gültigkeit erheben kann (ebd.) und einen Orientierungsrahmen für didaktische und methodische Überlegungen zur gymnasialen Oberstufe bietet (vgl. Griese 1983, S. 10). Gleichzeitig ist sie jedoch mit einem heuristischen Such- und Arbeitsauftrag für die einzelnen Fachdidaktiken verbunden (vgl. Müsche 2009, S. 63). Im geplanten Beitrag wird das allgemeindidaktische Prinzip der Wissenschaftspropädeutik deshalb fachdidaktisch aus Sicht der ökonomischen Bildung rekonstruiert. Ein solches Vorhaben erscheint einerseits vor dem Hintergrund einer wachsend bedeutsamer werdenden scientific literacy (PISA-Konsortium Deutschland 2007, S. 65) notwendig, denn in einem gesellschaftlichen Klima, in dem das Vertrauen in die Wissenschaft brüchig zu werden scheint ("Wissenschaftsskepsis"), ist eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Wissenschaften(en) umso mehr Aufgabe  der allgemeinbildenden Schule. Dabei ist insbesondere die Fähigkeit zum Perspektivwechsel im Sinne von Reflexions-, Urteils- und Verständigungskompetenz hervorzuheben (Hahn 2008, S. 161): Verschiedene ökonomische Positionen kennen und unterscheiden können, Argumentationen vor diesem Hintergrund kritisch zu prüfen und bewerten und sich auf Basis dessen auch ein eigenes ökonomisches Urteil erlauben können. Bei Wissenschaftspropädeutik geht es aber genauso um das eigentliche wissenschaftliche Ausprobieren im Rahmen von handlungsorientiertem Unterricht zur Bildung eines grundlegenden wissenschaftlichen Verständnisses (vgl. Weskamp 2014, S. 19ff.). Andererseits ist eine fachdidaktische Auseinandersetzung mit Wissenschaftspropädeutik auch in Hinblick auf die Lehrerbildung relevant (vgl. Müsche 2009, S. 63). Dabei gilt es sowohl Wissenschaftspropädeutik fachspezifisch aus Sicht der ökonomischen Bildung zu beschreiben als auch konkrete wissenschaftspropädeutische Wege im Unterricht (vgl. Weskamp 2014, S. 17f.) aus fachlicher Perspektive für den Wirtschaftsunterricht zu benennen. Hierzu sind das Prinzip der Wissenschaftspropädeutik und seine fachliche Rekonstruktion kritisch vor dem Hintergrund einer allgemeinen Kritik an Wissenschaftsorientierung zu betrachten. Zu berücksichtigen sind hierbei zum einen konzeptionelle Schwierigkeiten des eigentlichen didaktischen Prinzips (vgl. Huber 2009, S. 45ff.) als auch die grundlegende Kritik an material-ausgerichteten Bildungstheorien (vgl. Harlisch 2014, S. 538f.), der es sich in diesem Zusammenhang erneut zu stellen gilt.

 

Literatur

Griese, Wolfgang (1983): Wissenschaftspropädeutik in der gymnasialen Oberstufe. Oldenburg.

Hahn, Stefan (2008): Wissenschaftspropädeutik: Der „kompetente“ Umgang mit Fachperspektiven. In:  Josef Keuffer und Marie Kublitz-Kramer (Hrsg.): Was braucht die Oberstufe? Diagnose, Förderung und selbständiges Lernen. Weinheim und Basel, S. 157-168.

Harlisch, Otfried (2014): Bildungs- und Erziehungsauftrag von Schule. In: Leitfaden Schulpraxis. Pädagogik und Psychologie für den Lehrerberuf. Hrsg. von Gislinde Bovet und Volker Huwendiek. Berlin, S. 536-554.

KMK (Hrsg.) (2016): Vereinbarung zur Gestaltung der gymnasialen Oberstufe in der Sekundarstufe II. Abrufbar unter: http://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/1972/1972_07_07-Vereinbarung-Gestaltung-Sek2.pdf (letzter Zugriff 09.10.2017).

Müsche, Hanna (2009): Wissenschaftspropädeutik aus psychologischer Perspektive _ Zur Dimensionierung und Konkretisierung eines bildungstheoretischen Konzepts. In TriOS, Heft 2/2009, S. 61-110.

PISA-Konsortium Deutschland (Hrsg.) (2007): PISA 2006 - Die Ergebnisse der dritten internationalen Vergleichsstudie. Münster.

Weskamp, Ralf (2014): Wissenschaftliches Lernen als Ziel und Aufgabe der Schulentwicklung in der gymnasialen Oberstufe. In: Francois Beileicke et al. (Hrsg.): Wissenschaft inszenieren. Perspektiven des wissenschaftlichen Lernens für die gymnasiale Oberstufe. Bad Heilbrunn, S. 17-30.