Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung, DeGÖB-Tagung 2018

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Steuern und Freiheit – Theoretische Ansätze und empirische Befunde zur Steuerbildung
Nora Cechovsky, Rosanna Steininger

Datum: 27.02.2018 09:00 – 11:00
Zuletzt geändert: 09.01.2018

Abstract


 

Ziel dieses Beitrags ist es, das Verhältnis von Steuern und Freiheit, in Anlehnung an das Tagungsthema und inspiriert durch den Tagungsort, aus unterschiedlichen theoretischen Perspektiven zu diskutieren. Anschließend wird auf empirische Befunde zum Zusammenhang von Wissen und non-kognitiven Faktoren wie z.B. Einstellungen im Bereich Steuern eingegangen um daraus Implikationen für die Steuerbildung abzuleiten.

Freiheit und der Zwang, Steuern zu zahlen, scheinen auf den ersten Blick nur schwer vereinbar. Der Ökonom Hayek (1983, S. 13) bezeichnet Freiheit als eine Reduktion von Zwang auf ein Niveau, das Gesellschaftsleben ermöglicht. Poltische Freiheit bedingt aus Hayeks Sicht die Gleichheit vor dem Gesetz, trotz unterschiedlicher Voraussetzungen und ist „die einzige Freiheit fördernde Gleichheit, und die einzige Gleichheit, die ohne Gefährdung der Freiheit gesichert werden kann“ (Hayek 1983, S. 105). Gemäß der Tradition des Gerechtigkeitsparadigmas des klassischen Liberalismus, ist diese Gleichheit nicht mit sozialer Gerechtigkeit gleichzusetzen. Vielmehr wird Freiheit als Gleichheit im Sinne einer formalen Freiheit vor dem Gesetz verstanden, wobei zum Schutz der Freiheit die materielle Ungleichheit in Kauf genommen wird (Hayek 1983, S. 121). Die u.a. von Hayek vertretene Ansicht, wonach individuelle Freiheit primär im Sinne der Verfahrensgerechtigkeit zu verstehen ist, steht also im Konflikt zur Forderung nach Verteilungsgerechtigkeit, wie sie in u.a. von Eucken (1941) gefordert wird. Eucken (1941) als Vordenker der sozialen Marktwirtschaft und zentraler Vertreter der Freiburger Schule sieht die Umverteilung von Vermögen zugunsten sozialer Gerechtigkeit als Aufgabe staatlicher Institutionen und die progressive Einkommenspolitik als ein Instrument, die Schwächen der Marktwirtschaft zu korrigieren: „Die Progression der Einkommensteuer hat [...] einen sozialen Sinn. Sie soll den Verteilungsprozeß im Rahmen der Wettbewerbsordnung korrigieren.“ (Eucken 1941, S. 43)

Diese beiden Positionen zeigen, dass das Verständnis individueller Freiheit, wesentlich durch die bestehende Wirtschaftsordnung bzw. den dahinterliegenden theoretischen Annahmen bestimmt wird. Steuern sind als Haupteinnahmequelle des Staates die Grundlage für die Erfüllung staatlicher Aufgaben. Das zur Verfügung stehende Einkommen wird durch Steuern verringert. Folglich greift der Staat durch die Einhebung von Steuern und Abgaben in die persönliche Freiheit des Individuums ein, über seine finanziellen Mittel frei zu verfügen. Dies geschieht im Sinne des Gemeinwohls, da durch die Steuermittel öffentliche Güter finanziert werden, für eine Umverteilung gesorgt wird und eine Stabilisierung der Wirtschaft angestrebt wird. Die Frage, wie stark der Staat durch die Einhebung von Steuern in die persönliche Freiheit, über sein Einkommen frei zu verfügen, eingreift, ist direkt an die Frage gekoppelt, wie umfassend der staatliche Aufgabenbereich definiert wird. Dies führt dazu, dass die Einschränkung in Ländern mit sozialer Markwirtschaft wesentlich höher sind als in Ländern mit neoliberalistischen Wirtschaftssystemen. Der soziale Anspruch führt also über die Reduktion der individuellen Freiheit zu einer Egalisierung der Freiheit über soziale Schichten.

Wechselt man nun auf die Ebene des Individuums, so kann man die Abgabe von Steuern mit ethischen Aspekten in Verbindung bringen. Kant (1870, S. 18) weist darauf hin, dass Handlungen aus Pflicht, also aus einem sich selbst entwickelten Gesetz, heraus entstehen sollten und nicht durch von außen vorgegebenen Gesetzen. Im Rahmen der Steuerforschung findet man Ansätze die zwischen der von Kant geforderten moralischen Pflicht und der gesetzlichen Pflicht differenzieren (vgl. Kirchler, Hölzl & Wahl, 2008). Ersteres wird als freiwillige Steuerehrlichkeit beschrieben, während letzteres als erzwungene Steuerehrlichkeit bezeichnet wird. Zentral ist, dass diese beiden Konzepte sich zwar nicht in der beobachtbaren Handlung unterscheiden, jedoch die Intention der Handlung den Unterschied ausmacht (Kirchler et al. 2008, S. 213).

Steuerbildung als ein Teilbereich von ökonomischer Bildung kann als Wissen und Fähigkeiten, Interesse, Einstellungen und Verhalten im Zusammenhang mit Steuern verstanden werden. Als Wirtschaftsbürger/in und Steuerzahler/in bzw. Transferempfänger/in ist es von großer Bedeutung, über Bildung im Bereich Steuern zu verfügen. Ein/e steuerlich gebildete/r Bürger/in ist dazu im Stande, ihre bzw. seine steuerlichen Angelegenheiten erfolgreich zu erledigen sowie die zentrale gesellschaftspolitische Komponente von Steuern kritisch zu reflektieren. Von besonderem Forschungsinteresse ist demnach die Frage, welche empirischen Zusammenhänge zwischen den kognitiven und non-kognitiven Faktoren gefunden werden können.

Quellen

Eucken, W. (1949). Die Wettbewerbsordnung und ihre Verwirklichung: Erster Teil über die Wirtschaftspolitik der Vergangenheit. ORDO: Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft, 2, 1–99.

Hayek, F. A. v. (1983). Die Verfassung der Freiheit (Vol. 2., durchges. Aufl.). Tübingen: Mohr.

Kant, I. (1870). Grundlegung der Metaphysik der Sitten. Berlin: L. Heimann.

Kirchler, E., Hölzl, E. & Wahl, I. (2008). Enforced Versus Voluntary Tax Compliance: The “Slippery Slope” Framework. Journal of Economic Psychology, 29 (2), 210–225.