Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung, DeGÖB-Tagung 2018

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Die Freiheit zu scheitern – Lernen aus Erzählungen von gescheiterten Entrepreneur*innen als eine Form ökonomischer Bildung?
Verena Liszt

Gebäude: Freiburg im Breisgau
Raum: R2
Datum: 27.02.2018 14:45 – 16:15
Zuletzt geändert: 09.01.2018

Abstract


Scheitern im Gründungsprozess ist ein gering beforschtes Thema und wird in der Gesellschaft tabuisiert bzw. ist eher negativ behaftet. Dies beeinflusst die Handlung von Individuen bezogen auf eine Unternehmensgründung in zweifacher Hinsicht: Bei der Entscheidung, ob eine Person ein Unternehmen gründet, wird sie möglicherweise aus Furcht vor der aus einem Scheitern resultierenden gesellschaftlichen Ablehnung nicht wagen, ein Unternehmen zu gründen, ganz unabhängig von den tatsächlichen Erfolgsaussichten des Projekts. Wenn darüber hinaus ein Unternehmen so wenig erfolgreich ist, dass eine Aufgabe erforderlich ist, kann die gleiche Furcht dazu führen, dass der Ausstieg aus dem Projekt unnötig lange verzögert wird mit allen daraus resultierenden negativen Konsequenzen für die Beteiligten.

Im Zuge des Beitrags wird die im Call aufgeworfene Frage „Wie kann ökonomische Bildung jungen Menschen helfen, sich durch eigene Leistungen von Zwängen zu befreien?“ aufgegriffen. Diese Frage ist unter der Annahme gültig, dass Freiheit die Abwesenheit von Zwängen oder Hindernissen darstellt (negativer Freiheitsbegriff). Ein positiver Freiheitsbegriff geht davon aus, dass Freiheit darin besteht als Person selbst die Kontrolle zu haben, das machen zu können, was von der Person als sinnvolle Option für sich begriffen wird und Ausdruck des wesentlichen Selbst darstellt. Diese Freiheitsform endet jedoch in paternalistischen oder diktatorischen Theorien, da nur das Kollektiv objektiv entscheiden kann, was eine ‚sinnvolle Option‘ für die einzelne Person darstellt (vgl. Rössler 2014, 234-235). Bei näherer Betrachtung des negativen Freiheitsbegriffs wird jedoch deutlich, dass die Gesellschaft auch immer von Beschränkungen beeinflusst ist. Daraus folgt, nach König, dass eine Person nicht als Einzelne, sondern nur in Zusammenhang mit anderen Personen frei sein kann (vgl. König 2002, 39f). Beide Freiheitsvorstellungen führen dazu, dass sowohl die Gesellschaft als auch das Individuum einen Beitrag zur Wahrung der Freiheit leisten sollten.

In Bezug auf die Thematik der Möglichkeit des Scheiterns im Gründungskontext einer Gesellschaft, würde Freiheit dazu führen, dass die Erfahrungen mit dem Scheitern eben nicht automatisch negativ konnotiert werden. Von einer Kultur des Scheiterns zu sprechen, ist in dem Zusammenhang allerdings schwierig, weil der Begriff wissenschaftlich nicht definiert ist, wohl aber der der Fehlerkultur. Fehlerkultur wird bspw. von Mandl als die Summe der persönlichen Einstellungen zu Misserfolg seitens der einzelnen Mitglieder einer Organisation beschrieben (vgl. Mandl 2017, S. 20). Bei Betrachtung des Freiheitsbegriffs in Bezug auf die Individuen, sei auf Rössler verwiesen, die Bedingungen für das ‚Gelingen von Freiheit‘ festlegt: „Das Gelingen von Freiheit ist angewiesen auf die Abwesenheit relevanter Hindernisse, auf die Möglichkeit, sinnvolle, eigene Ziele verfolgen, Optionen wählen zu können, und auf ein Subjekt, das diese Freiheit gebrauchen kann, also ein autonomes[1] Subjekt.“ (Rössler 2014, 249). Es bleibt somit die Triade von dem freien Subjekt, der Abwesenheit von Hindernissen und der Optionen, die gewählt werden können, um frei zu sein (siehe dazu Mac Callum 1991 zitiert nach Rössler 2014, 236). Dies bedeutet für das Scheitern im Gründungskontext, dass Freiheit dann gegeben ist, wenn die Hindernisse, somit auch die Angst des Scheiterns oder die Stigmatisierung durch die Gesellschaft abwesend sind, wenn für die Person Möglichkeiten zur Handlung anhand persönlicher, sinnvoller Ziele gegeben ist und die Person auch autonom, also u. a. auch fähig ist zu reflektieren, Entscheidungen treffen kann.

Im hier eingereichten Beitrag werden zur Diskussion des Freiheitsbegriffs im Kontext des Scheiterns im Gründungsprozess als ein erster Schritt der Forschungsstand zu Scheitern im Gründungskontext betrachtet (Cope 2011, Ucbasaran et al. 2013, Politis und Gabrielsson 2009) und im zweiten Schritt die Freiheit des Scheiterns anhand philosophischer Überlegungen auf den Gründungskontext und das Scheitern bezogen. Daran anschließend werden die Möglichkeiten und Grenzen eines Lernformats namens Fuckup Nights diskutiert. Bei den Fuckup Nights tragen gescheiterte Gründer*innen ihre Gründungsgeschichte mit Scheiterns- und Lernerfahrungen vor und lassen deren Handlungen retrospektiv erahnen. Intention des Formats ist, das Scheitern von Unternehmen in Form von persönlichen Erzählungen der betroffenen Entrepreneure zu verbreiten und dadurch anderen Personen, meist den zuhörenden Studierenden, die Lernerfahrungen weiterzugeben (Vgl. Fuckup Nights, online).

Die Diskussion der Erkenntnisse wird zeigen, ob das Format der Fuckup Nights ökonomischer Bildung entsprechen kann und in wieweit die Freiheit zu Scheitern dadurch in der deutschen Gesellschaft und evtl. auch in der ökonomischen Bildung ankommen kann.

 

Literatur:

Cope, Jason (2011): Entrepreneurial learning from failure: An interpretative phenomenological analysis. Journal of Business Venturing, 26, 604-623.

Fuckup Nights Frankfurt, Imagefilm, online: http://www.fuckupnightsfrankfurt.de/

König, René (2002):Freiheit und Selbstentfremdung in soziologischer Sicht. Heidelberg: Springer.

Mandl, Christoph (2017): Vom Fehler zum Erfolg. Effektives Failure Management für Innoation und Corporate Entrepreneurship. Wiesbaden: Springer Gabler.

Politis, Diamanto, Gabrielsson, Jonas (2009): Entrepreneurs attitudes towards failure: an experiential leaning approach. International journal of Entrepreneurial Behaviour and Research 5 (4) 364-383.

Rössler, Beate (2014): Politische Philosophie. “Freiheit” in der sozialen und politischen Philosophie. In: Laube, martin (Hrsg.): Freiheit. Utb Verlag, S. 233-253.

Ucbasaran, Deniz; Shepherd, Dean A.; Lockett, Andy; Lyon, S. John (2013): Life after business failure: the process and consequences of business failure for entrepreneurs. Journal of Management 39 (1), 163–202.

 


[1] Autonomie in diesem Zusammenhang bedeutet, die Person ist fähig auf Grundlage ihrer Überzeugungen, Wünsche, Motive und Ideale sich zu fragen und zu reflektieren, wie sie leben wollen und dann ihr Leben auch so leben können = personale Autonomie nach Mill (zitiert nach Rössler 2014, 248).