Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung, DeGÖB-Tagung 2018

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Die Freiheit autonome Entscheidungen im Gründungsprozess zu treffen
Brigitte Halbfas, Verena Liszt

Gebäude: Freiburg im Breisgau
Raum: R1
Datum: 27.02.2018 09:00 – 11:00
Zuletzt geändert: 09.01.2018

Abstract


Im Gründungsverlauf befinden sich Entrepreneure in ungewissen Situationen, was bedeutet, dass ihnen nicht alle Handlungsalternativen bekannt und deren Folgen nicht abschätzbar sind (Murmann/Sardana 2012, 192). In diesem Zusammenhang ist die Freiheit im Sinne eines positiven Freiheitsverständnisses (siehe dazu Berlin 1995, zitiert nach Rössler 2014, S. 235) gegeben, wenn Entscheidungen und daraus resultierende Handlungen ermöglicht werden. In anderen Worten, die Gründungsperson hat die Kontrolle, das zu tun, was sie selbst als sinnvolle Option für sich begreift. Rössler (2014) führt aufbauend auf den Freiheitsbegriff von Berlin weiter aus, dass die Gefahr bestehe, dass die Gesellschaft die sinnvolle Option kollektiv bestimmt, da die Auswahl der sinnvollen Option aus Sicht der Gesellschaft objektiv und ganzheitlich erfolgen sollte. Mit dem Argument der Autonomie jedoch kann die Selbstbestimmung beim Individuum bleiben, wenn im Sinne eines personalen Autonomieverständnisses nach Mill (1988, zitiert nach Rössler 2014, S. 248) davon ausgegangen wird, dass die Personen auf Grundlage ihrer Ideale, Wünsche, Überzeugungen und Motive fähig sind sich selbst zu hinterfragen und zu reflektieren, um Entscheidungen treffen zu können (vgl. Rössler 2014, 235, 246-251).

Die Autorinnen dieses Beitrages verstehen den Freiheitsbegriff auch dahingehend, dass eine Orientierung der eigenen Freiheit an der Freiheit anderer oder der Gleichheit zwischen den Menschen erfolgt. Für die Diskussion der Entscheidungsfindung im Gründungsprozess bedeutet dies, dass die autonome Entscheidungsfindung in ungewissen Situationen als Recht der Freiheit zu verstehen ist. Ebenso relevant ist die durch eine Einzelperson erfolgte autonom vorgenommene Auswahl einer sinnvollen Option, die für im Gründungsprozess getroffene Entscheidungen besonders bedeutsam ist. Denn die im Gründungsprozess getroffene Entscheidungen beeinflussen den weiteren Verlauf eines Unternehmens nachhaltig (Lang-von Wins/Triebel 2012, 204).

Aus Sicht der Autorinnen ist es eine Aufgabe der Entrepreneurship Education, zukünftige Entrepreneure auf diese Freiheit im Gründungsprozess aufmerksam zu machen und sie zur Anwendung möglicher Entscheidungslogiken zu befähigen. Denn erfolgreiche Gründungspersonen nutzen im Zuge der Entscheidungsfindung in ungewissen Situationen Entscheidungslogiken, um die Ungewissheit einzugrenzen (Busenitz 1999, 325; Murmann/Sardana 2012, 192). Mit Entscheidungslogik ist ein bestimmtes Vorgehen im Prozess der Entscheidungsfindung gemeint. Sarasvathy (2001) hat dabei zwei Herangehensweisen, Causation (Zielorientierung) und Effectuation (Ressourcenorientierung), identifiziert. Allerdings wurde von Sarasvathy die Anwendung der Effectuationlogik im Gründungsprozess grundsätzlich als besonders gewinnbringend hervorgehoben, ohne die Kombination beider Entscheidungslogiken in Abhängigkeit von den jeweiligen Entscheidungssituationen als relevant zu erachten und in Verbindung miteinander zu erforschen. Die Kombination beider Entscheidungslogiken bzw. deren Anwendung wurde empirisch bislang über retrospektive Analysen (Interviews und Dokumentenanalysen, siehe bei Reymen et al. 2015) erprobt und erforscht, aber noch nicht über Think-Aloud-Protokolle oder Beobachtungen.

Hier setzt unser Beitrag mit der Forschungsfrage an: Welche Entscheidungslogiken werden in welchen ungewissen (fiktiven) gründungsbezogenen Entscheidungssituationen angewendet?

Im Vortrag werden die Autorinnen zur Beantwortung dieser Forschungsfrage in einem ersten Schritt die für die vorliegende Untersuchung zentralen Begriffe der Ungewissheit und der Freiheit klären sowie kurz die Causation und Effectuation Entscheidungslogiken erläutern. Im Anschluss daran wird das Forschungs- und Lehrkonzept vorgestellt, das es den Autorinnen ermöglicht, gründungsbezogene Entscheidungsprozesse zu erforschen. In diesem Forschungs- und Lehrkonzept forschen Studierende im Rahmen von Lehrveranstaltungen selbständig und haben dabei gleichzeitig die Möglichkeit, Entscheidungsprozesse besser zu verstehen und frei zu gestalten. Dies tun sie, indem sie im Laufe der Veranstaltung Entscheidungssituationen für andere Studierende planen und diese andere Gruppe am Ende auch beim ‚Durchleben‘ der entwickelten Entscheidungssituation und den damit verbundenen Entscheidungsfindungsprozessen beobachten. Die Beobachtungsaufnahmen und -protokolle werden von den Studierenden in Hausarbeiten zusammengefasst und interpretiert. Die Ergebnisse aus den Hausarbeiten von bisher zwei Kursen wurden ihrerseits von den Autorinnen inhaltsanalytisch ausgewertet und ermöglichen erste Einblicke in gründungsnahe Entscheidungsfindungsprozess. Die Ergebnisse geben Aufschluss über die Anwendung der jeweiligen angewandten Entscheidungslogiken (Causation und Effectuation) in bestimmten Entscheidungssituationen.

Basierend auf den Erkenntnissen aus der Durchführung und Auswertung können nun in nächster Zukunft Testungen (in Form von Beobachtungen) mit Gründungspersonen durchgeführt werden.

 

Quellen:

Busenitz, Lowell W. (1999): Entrepreneurial risk and strategic decision making: It’s a matter of perspective. In: Journal of Applied Behavioral Science, 35, 3/1999, S. 325-340.

Gehring, Axel (1977): Freiheit und Pluralismus. Berlin.

Lang-von Wins, Thomas/Triebel, Claas (2012): Karriereberatung. Coachingmethoden für eine Kompetenzorientierte Laufbahnberatung, 2. Auflage, Berlin und Heidelberg.

Murmann, Johann P./Sardana, Deepak (2012): Successful entrepreneurs minimize risk. In: Australian Journal of Management, 38, 1/2012, S. 191-215.

Reymen, Isabelle M.M.J./Andries, Petra/Berends, Hans/Mauer, Rene/Stephan, Ute/van Burg, Elco (2015): Understanding Dynamics of Strategic Decision Making in Venture Creation: A Process Study of Effectuation and Causation. In: Strategic Entrepreneurship Journal, 9,4/2015, S. 351-379.

Rössler, Beate (2014): Politische Philosophie. “Freiheit” in der sozialen und politischen Philosophie. In: Laube, martin (Hrsg.): Freiheit. Utb Verlag, S. 233-253.

Sarasvathy, Saras D. (2001): Causation and Effectuation: Toward a theoretical shift from economic inevitability to entrepreneurial contingency. In: Academy of Management Review, 26, 2/2001, S. 243-263.