Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung, DeGÖB-Tagung 2018

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Von der Freiheit eines Wirtschaftsmenschen. Wirtschaftliches Handeln als eine bedingte Wahlfreiheit
Georg Tafner

Gebäude: Freiburg im Breisgau
Raum: R1
Datum: 27.02.2018 09:00 – 11:00
Zuletzt geändert: 09.01.2018

Abstract


"Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan." So schreibt Luther in einem seiner berühmtesten Werke. Übertragen auf den Wirtschaftsmenschen stellt sich die Frage: Wie frei ist der wirtschaftlich handelnde Mensch? Ist er freier Herr oder dienstbarer Knecht? Dabei geht es um wesentliche Fragen: Erstens, was ist eigentlich Wirtschaft und Wirtschaften? Zweitens, wie frei ist der Mensch in seinen wirtschaftlichen Handlungen tatsächlich - ist er freier Herr oder dienstbarer Knecht?

Die Wirtschaftswissenschaften stellen sich kaum die Frage, was den Wirtschaft und Wirtschaften tatsächlich ist, vielmehr definieren sie ihr wissenschaftliches Erkenntnisinteresse an der Wirtschaft (vgl. Nell-Breuning 1987), um in der neoklassich geprägten Standardtheorie von der Knappheit auf die Nutzenmaximierung zu schließen (vgl. Wöhe/Döring 2012, Samuelson/Nordhaus 2001). Im Standardmodell gibt es Freiheit als einen demokratischen, sozialen Wert gar nicht. Es ist mit dem methodologischen Individiviualismus auf das zweckrationale egoistische Eigeninteresse reduziert, das modellhaft in einem institutionenfreien Raum verortet ist. Freiheit wird, ähnlich wie das für das reale ökonomische Handeln notwendige Phänomen des Vertrauens der Fall ist (N.N. in Review), als ein exogener Faktor betrachtet. Für eine solche reduktionistische Modellierung gab es gute Gründe (vgl. Kubon-Gilke/Sturn/Held 2005), die jedoch nach der Finanzkrise immer kritischer gesehen werden (vgl. Kramer 2012). Es wird der Ruf nach Anwendung alternativen Modellen vor allem in der Lehre lauter (vgl. Becker et al. 2009).

Wer also die Freiheit im neoklassichen Standardmodell zu finden hofft, sucht an der falschen Stelle. Es geht um die lebensweltliche Wirtschaft und das lebensweltliche Wirtschaften und nicht um das Modell. Wirtschaftende Menschen und Organisationen sind in Kultur und Gesellschaft eingebettet. Moral und Ethik, Soziales und Politisches sind dann untrennbare Bestandteile des wirtschaftlichen Vollzugs (vgl. N.N. 2015, 2016, 2017).

Ausgehend von der Annahme, dass Wirtschaften eine Wahlhandlung zur Selbstverwirklichung unter Knappheitsbedingungen ist, die sich nicht nur auf das zweckrationale egoistische Eigeninteresse reduzieren lässt, und Wirtschaft ein Mittelsystem zur Selbstverwirklichung darstellt (vgl. Nell-Breuning 1987), stellt sich die Frage von Freiheit anders: Es geht um die bedingte Freiheit (Bieri 2003) des Menschen im Gesamt der ihn umgebenden, von ihm vorgefundenen und von ihm mitgeschaffenen Strukturen (vgl. Giddens 1997). Dann ist der Mensch nie frei von den Bedingungen, welche seine Entscheidungen strukturieren. Wohl könnte er diese Bedingungen in seiner Freiheit zur Willkür (Ockham) bewusst ignorieren, aber dann wäre seine Entscheidungen nicht einer praktischen Vernunft (Aristoteles, Thomas v. A., Pöltner 2006) folgend, sondern eben eine Willkür, welche ihn für andere nicht einschätzbar macht und Kooperationen erschwert (vgl. N.N. in Review). So entscheidet der vernünftige Mensch auf Grundlage der Bindungen und form eine praktische Vernunft aus, welche zu einer strukturellen Rationalität wird (vgl. Nida-Rümelin 2001). Die Strukturen, welche seine wirtschaftliche Entscheidungen bedingen, sind Geld , Güter und Informationen (vgl. Kutscha 2009), aber auch Menschen und Kontingenzen - Faktoren, welche seine wirtschaftliche Macht definieren. Der Mensch findet also Bedingungen vor: Wer viel Geld, viele Güter und Informationen hat sowie über entscheidene soziale Beziehungen verfügt und Kontingenzen dabei unterstützend wirken (vgl. Esterbauer 1989), ist in seinen Entscheidungen freier als jemand, der weniger davon hat. Wirtschaftliche Entscheidung ist also wesentlich mit Gerechtigkeit im Sinne von Leistungs- und Bedarfsgerechtigkeit verbunden, ja, ist von ihr gar nicht zu trennen, weil das Phänomen der knappen Mittel nicht nur eine Frage der Effizienz, sondern untrennbar auch eine Frage ist, wer Mittel hat oder nicht hat.

Wer gar nicht entscheiden kann, weil er gar keine Alternativen und Mittel vorfindet, ist durch die Strukturen determiniert und seiner Freiheit überhaupt beraubt. Zur wirtschaftlichen Freiheit gehört aber auch die Entscheidung für den Verzicht. Wer also sich für einen Nicht-Kauf entscheidet, handelt ebenso wirtschaftlich, wie jemand, der kauft. Allerdings verkörpert sich lediglich der Kauf im Mittelsystem der Wirtschaft (vgl. Nell-Breuning 1987, N.N. 2018 in Review).

Zusammengefasst: Wirtschaftliche Freiheit ist eine bedingte Freiheit. Strukturen erweitern oder begrenzen die wirtschaftliche Entscheidungsmöglichkeit. Neben Ressourcen werden für das Wirtschaften auch Institutionen, Macht, Personen und Kontingenzen relevant. Dies ist in der ökonomischen Bildung zu berücksichtigten. Damit wird wirtschaftliche Freiheit immer im Kontext der Gerechtigkeit zu sehen sein.