Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung, DeGÖB-Tagung 2018

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Verstehen als Inbegriff von Freiheit – Verstehensprozesse und das Ausschöpfen von Denk- und Handlungsoptionen
Yvette Keipke

Gebäude: Freiburg im Breisgau
Raum: R3
Datum: 28.02.2018 09:30 – 11:00
Zuletzt geändert: 09.01.2018

Abstract


Das Ziel ökonomischer Bildung ist die Ausbildung von Entscheidungs-, Handlungs- und Beurteilungsfähigkeiten von Schüler/-innen, um zukünftig in ökonomisch geprägten Lebenssituationen Denk- und Handlungsoptionen zu erkennen und wahrnehmen zu können. Für die Ausbildung dieser Fähigkeiten – so die Grundthese des Beitrags – bedarf es der Berücksichtigung individueller und geteilter mentaler Modelle. Die Ausbildung von mentalen Modellen ist einerseits geprägt durch Sozialisationsprozesse, andererseits nicht invariant, sondern veränderbar. Entsprechend wichtig erscheint daher die Ausrichtung der Forschungsperspektive auf eine Rekonstruktion und Abbildung ökonomischer Verstehensprozesse im Zusammenspiel mit mentalen Modellen. Es gilt zu erforschen, wie reflexive Urteilsfähigkeit rückgebunden ist an bestehende Denkmuster bzw. „shared mental models“ (Denzau/North 1995) und so auf ein tieferes Verständnis der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gesamtzusammenhänge ausgerichtet werden kann.

Mentale Modelle sind kognitive Repräsentationen eines Gegenstandes oder eines Prozesses im Bewusstsein eines Individuums und bilden stark vereinfacht Ausschnitte der Realität ab. Wie diese Realität gedeutet wird, ist wiederum abhängig von der Sozialisation, der Erkenntnisleistung und der Erfahrung des Individuums – kurzum – wie ein Individuum denkt, handelt und Welt wahrnimmt ist abhängig von seinen mentalen Modellen. Je stärker die Verknüpfung aus dem Vorwissen (prior concepts) und dem domänenpezifischem Wissen (scientific conceptions oder core concepts) ist, desto stärker werden Sinnzusammenhänge und Muster entwickelt. Sinnzusammenhänge bilden sich über einen hermeneutischen Erkenntnisprozess aus, dem Sinnverstehen, bei dem subjektive Sinnzusammenhänge, Deutungsmuster und Handlungsorientierungen reflektiert konstruiert und hierdurch handlungsleitend für soziale Akteure werden. Ein Denken in Sinnzusammenhängen verändert Denk- und Handlungsmuster und damit „Verstehensmomente“. Ein Verstehensmoment zeigt sich darin, dass verschiedene Denkkonzepte miteinander integriert und transformiert werden und dabei eine Lernschwelle, im Sinne des threshold concept, überschritten wird (Shanahan 2016). Das Überschreiten findet über die Reflektion des Inhalts sowie über das eigene Wissensverständnis über den Inhalt statt (Burch et al. 2016). Das heißt, je stärker die Reflektion über den Lerngegenstand ist, desto vernetzter und ausgebildeter sind die mentalen Modelle. Diese Ausbildung – so meine These – führt zu einem veränderten Denk- und Handlungsmuster und zu veränderten Beurteilungs- und Entscheidungsdimensionen.

Der Beitrag widmet sich erstens den Vorbedingungen, die Verstehensprozesse möglich machen, d.h. inwiefern mentale Modelle sich auf Verstehens- und Entscheidungsprozesse auswirken und zweitens, wie diese Erkenntnis sich möglicherweise auf die Gestaltung von Lehr-Lernprozessen auswirken kann, im Sinne einer Lerndiagnostik.