Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung, DeGÖB-Tagung 2018

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Orientierung in der Berufs- und Arbeitswelt durch außerschulische Lerngelegenheiten? Das Projekt „RaSchOWL: Region macht Schule: Region, Tradition und Innovation der Berufs- und Arbeitswelten in Ostwestfalen-Lippe“.
Steffen Harald Spitzner, Thomas Retzmann

Gebäude: Freiburg im Breisgau
Raum: R2
Datum: 27.02.2018 09:00 – 11:00
Zuletzt geändert: 09.01.2018

Abstract


Viele Schülerinnen und Schüler haben am Ende ihrer Schulzeit Schwierigkeiten, sich beruflich zu orientieren und das zu ihrer Lebensvorstellung passende Betätigungsfeld zu finden (vgl. Rahn, Brüggemann & Hartkopf 2011, 297 ff.). Die Gründe hierfür liegen neben den fehlenden Kenntnissen über berufliche Anforderungen vor allem im mangelhaften Wissen hinsichtlich der vielfältigen (Entwicklungs-)Möglichkeiten und individuellen Chancen im Arbeitsleben (vgl. Retzmann 2016, 77). Dabei ist eine fundierte berufliche und arbeitsweltliche Orientierung Voraussetzung für eine gelingende Berufswahl, die wiederum ein wesentlicher Einflussfaktor der erfolgreichen Einmündung in den Arbeitsmarkt (vgl. Menzel & Peinemann 2015, 1 f.) und der sozial-ökonomischen Integration in die Gesellschaft ist. Die Offerten von Schulen und Arbeitsagenturen leisten zwar Hilfestellung, setzen jedoch oftmals spät ein, typischerweise am Ende der Sekundarstufe I in den Jahrgangsstufen 9 und 10 (vgl. Brüggemann & Rahn 2013, 17). In Nordrhein-Westfalen werden berufsorientierende Maßnahmen in der Sekundarstufe I vor allem vom Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales konzipiert, geleistet und zu weiten Teilen finanziert. Die über das Projekt „Kein Abschluss ohne Anschluss“ initiierten Betriebs- und Arbeitsplatzerkundungen sind jedoch nicht curricular integriert und stehen daher neben dem eigentlichen Unterrichtsgeschehen oder stören dieses gar. Auch fokussiert das Projekt ausschließlich auf gegenwärtige (Ausbildungs-)Berufe und blendet damit neben vergangenen und zukünftigen Entwicklungen der Berufswelt auch eine weiterreichende, arbeitsweltliche Orientierung aus. Die neue Landesregierung hat beschlossen, in allen weiterführenden Schulen ein Fach „Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung“ einzuführen. Es bietet die Gelegenheit zur curricularen Integration außerschulischer Lerngelegenheiten zum Zwecke der Orientierung in der Berufs- und Arbeitswelt.

Das Projekt „RaSchOWL: Region macht Schule“ beruht auf der Annahme, dass sowohl die schulische, unternehmerische als auch kulturelle Perspektive für die berufliche und arbeitsweltliche Orientierungsfähigkeit von Schülerinnen und Schülern von Bedeutung ist. Museen speichern den Erfahrungsschatz einer Region und sollen historisches Wissen vermitteln. Schulen „produzieren“ das Humankapital der Bildung und treten bei außerschulischen Lerngelegenheiten als Vermittler zwischen den jeweiligen Lernkulturen auf. Unternehmen schaffen die Basis für Wohlstand und die wirtschaftliche Entwicklung. Sie sind in ihrer angestammten Region oftmals langjährig verwurzelt und müssen ggf. zugleich im internationalen Wettbewerb bestehen. Globalisierung und Regionalität müssen in Einklang gebracht werden, um wirtschaftlich erfolgreich zu bleiben. Innovation trifft in der Region auf Tradition. Für das RaSch-Projekt resultieren daraus drei Blickrichtungen: der reflektierende Blick auf frühere Berufs- und Arbeitswelten, der erfahrungsoffene Blick auf die Gegenwart und der neugierige Blick in eine aktiv zu gestaltende Zukunft.

Dementsprechend werden bzw. wurden – in enger Zusammenarbeit mit Lehrkräften und regionalen Vertretern und Institutionen – außerschulische Lerngelegenheiten für Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 7-9 zum Zwecke der Orientierung in der Arbeitswelt entwickelt, erprobt und evaluiert. So richtet sich der Blick im Rahmen der Erkundung der LWL-Industriemuseen Glashütte Gernheim und des Ziegeleimuseums Lage auf vergangene Arbeitsplätze, Arbeits- und Lebensbedingungen (z.B. Arbeitnehmermobilität, gewerkschaftlicher Kampf für bessere Lebensumstände), Produktionsprozesse, betriebswirtschaftliche Fragen (z.B. Transportlogistik und Standortwahl) oder die wirtschaftliche, soziale und regionalgeschichtliche Bedeutung einzelner Branchen. In der vor- und nachbereitenden Unterrichtseinheit werden die Schülerinnen und Schüler dagegen mit gegenwärtigen Aspekten der Berufs- und Arbeitswelt konfrontiert, sodass ihnen ein Vergleich zwischen Vergangenheit und Gegenwart ermöglicht wird. Auch wird der Wandel der Berufs- und Arbeitswelt (Industrialisierung, etc.) und dessen Auswirkungen auf Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer beleuchtet. Im Rahmen eines Drohnenbau-Projekts, welches gemeinsam mit dem BANG StarterCenter realisiert wird, erhalten die Schülerinnen und Schüler Einblicke in aktuelle und mögliche zukünftige naturwissenschaftlich-technische (Ausbildungs-)Berufe und Arbeitswelten. Neben den physikalischen, technischen, chemischen und biologischen Zusammenhängen des Fliegens werden auch wirtschaftliche Themen wie die Angebotsbeurteilung und -auswahl, die Kostenkalkulation oder das Projektmanagement behandelt. Zunächst als Unterrichtsreihe (4x2 Unterrichtseinheiten) in der Schule geplant, erfolgt nach einer Evaluation der Ausbau zu einem Ferienprogramm im StarterCenter Delbrück. Im Heinz Nixdorf MuseumsForum wird die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) erkundet. Die Schülerinnen und Schüler lernen die historische Entwicklung der Büroarbeit kennen und erhalten detaillierte Einblicke in vergangene und gegenwärtige Arbeitsplätze im kaufmännisch-verwaltenden Bereich. Daneben werden zukünftige Herausforderungen der IKT wie die Digitalisierung oder die Industrie 4.0 thematisiert und dadurch auch zukünftige (Ausbildungs-)Berufe skizziert. Die SmartFactoryOWL in Lemgo stellt eine weitere außerschulische Lerngelegenheit dar, die vor allem die Zukunft der Berufs- und Arbeitswelt in Zeiten von Digitalisierung und Industrie 4.0 vorstellt. Schülerinnen und Schüler werden mit den Chancen und Risiken, den Auswirkungen des Arbeitens in der Fabrik der Zukunft oder den Bausteinen der Industrie 4.0 (u.a. Internet der Dinge, computergestützte Assistenzsysteme, 3D-Druck, Big Data oder Liefer-Drohnen) konfrontiert. Dadurch lernen die Schülerinnen und Schüler neben vergangenen und gegenwärtigen Berufs- und Arbeitswelten auch zukunftsorientierte Arbeitsstätten und Berufe kennen, was ihnen eine Orientierung für die eigene berufliche Zukunft ermöglicht.

Im Mittelpunkt steht die Gestaltung aktivierender Lernsituationen, die den Jugendlichen eigene (Primär-)Erfahrungen ermöglichen und ihren Horizont erweitern. Ziel ist es, die Schülerinnen und Schüler selbst handlungsfähig zu machen (Loer­wald 2007, 82). Auf dieser Basis ist es ihnen anschließend besser möglich, eine reflektierte Berufswahlentscheidung anhand persönlicher Präferenzen und Wertvorstellungen unter den Bedingungen gegenwärtiger und zukünftiger Berufs- und Arbeitswelten zu treffen. Sie werden darin gefördert, Verantwortung für die (eigene) persönliche und berufliche Entwicklung zu übernehmen. Dies ist allerdings nur möglich, wenn der Praxiskontakt weder neben dem Unterrichtsgeschehen steht, noch dieses stört bzw. unterbricht. Die außerschulische Lerngelegenheit muss in das Unterrichtsgeschehen eingebettet werden. Nur durch diese Verknüpfung von Theorie und Praxis wird es möglich, dass das im punktuellen außerschulischen Lernort singulär Gelernte in übergeordnete Sach- und Sinnzusammenhänge eingeordnet werden kann (vgl. ebd., 86 f.). Im Rahmen des Vortrags werden die curricularen Anknüpfungspunkte vorgestellt und sollen im Anschluss daran diskutiert werden.

Im Hinblick auf grundgesetzliche Freiheitsrechte sind in der ökonomischen Bildung und speziell im Rahmen des Projekts vor allem zwei im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland garantierte Rechte erwähnenswert. Zum einen ist die freie Wahl des Berufs anzuführen, welche allerdings nur gewährleistet werden kann, wenn zukünftige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer die vielfältigen Möglichkeiten und Bedingungen sowie die individuellen Chancen im Arbeitsleben tatsächlich kennen. Gemäß des berufsorientierenden Verständnisses des Projekts wird allerdings nicht nur die Perspektive der abhängigen Beschäftigung betrachtet. Gezielt erfolgt auch die Einbindung der volks- und betriebswirtschaftlich stark an Bedeutung gewinnenden Perspektive des innovativen Unternehmers. So wird beispielsweise im Heinz Nixdorf MuseumsForum auch die Unternehmergeschichte von Heinz Nixdorf mit all ihren Rückschlägen und Problemen nachvollzogen. Dadurch leistet das Projekt zum anderen einen Beitrag zur Entwicklung des freien Unternehmertums (Gewerbefreiheit), also der grundsätzlichen Freiheit für jedermann, sich gewerblich zu betätigen.

Die DeGÖB reklamiert die Berufsorientierung für die Ökonomische Bildung: „Ökonomische Bildung umfasst auch Berufsorientierung und didaktisch geleitete Einführung in Arbeitswelt und Beruf durch Betriebserkundungen und Betriebspraktika.“ Das RaSch-Projekt löst diesen Claim ein. Im Rahmen des Vortrags wird das von der PwC-Stiftung geförderte Projekt, die grundlegenden Projektideen sowie der aktuelle Projektstand vorgestellt. Daneben werden die identifizierten Erfolgsfaktoren, die außerschulischen Lerngelegenheiten samt ihrer Inhalte und Lernziele, die curricularen Anknüpfungspunkte sowie die entwickelten Unterrichtsmaterialien und didaktischen Konzeptionen präsentiert. Sie sollen im Anschluss daran diskutiert werden.

 

 

 

Quellen

Brüggemann, Tim & Rahn, Sylvia (2013): Zur Einführung: Der Übergang Schule-Beruf als gesellschaftliche Herausforderung – Entwicklung, rechtliche Verankerung und pädagogischer Auftrag der Berufsorientierung. In: Brüggemann, Tim & Rahn, Sylvia (Hrsg.): Berufsorientierung. Ein Lehr- und Arbeitsbuch. (Waxmann) Münster u.a.

Loerwald, Dirk (2007): Praxiskontakte Wirtschaft. In: Retzmann, Thomas (Hrsg.): Methodentraining für den Ökonomieunterricht. (Wochenschau Verlag) Schwalbach/Ts. S. 81-100.

Menzel, Mareike & Peinemann, Katharina (2015): Die Einbettung der Berufsorientierung in die Curricula der allgemeinbildenden Schulen der Sekundarstufe I in NRW als eine berufspädagogische Entwicklungsaufgabe. In: bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik – online, Ausgabe 27, S. 1-18. Online: http://www.bwpat.de/ausgabe27/menzel_peinemann_bwpat27.pdf (Stand 12.03.2016).

Rahn, Sylvia, Brüggemann, Tim & Hartkopf, Emanuel (2011): Von der diffusen zur konkreten Berufsorientierung: die Ausgangslage der Jugendlichen in der Frühphase der schulischen Berufswahlvorbereitung. In: Die Deutsche Schule Nr. 4, S. 297-311.

Retzmann, Thomas, Seeber, Günther, Remmele, Bernd & Jongebloed, Hans-Carl (2010): Ökonomische Bildung an allgemeinbildenden Schulen – Bildungsstandards für die Lehrerbildung. Essen, Lahr, Kiel.

Retzmann, Thomas (2016): Die Potenzialanalyse „losleger“: Entrepreneurship Assessment als Grundlage gezielter Entrepreneurship Education. In: Greimel-Fuhrmann, Bettina & Fortmüller, Richard (Hrsg.): Facetten der Entrepreneurship Education. Festschrift für Josef Aff anlässlich seiner Emeritierung. Wien.