Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung, DeGÖB-Tagung 2018

##paper.fontSize##: 
Lassen sich ökonomische Präferenzen durch finanzielle Bildung formen?
Michael Weyland, Manuel Froitzheim, Matthias Sutter

Gebäude: Freiburg im Breisgau
Raum: KG 4 R 219
Datum: 27.02.2018 09:00 – 11:00
Zuletzt geändert: 09.01.2018

Abstract


Financial literacy zielt auf die „existenziell basalen und unmittelbar lebenspraktischen Anforderungen alltäglichen Handelns und der Lebensführung in geldlichen Angelegenheiten“ (Mania/ Tröster 2014, 140) und gilt deshalb als essentielle Lebenskompetenz (OECD, 2014). Umso erstaunlicher ist es, dass nur ein Drittel der Weltbevölkerung als finanziell gebildet gilt (S&P et al., 2015). Obwohl sich in Deutschland ein etwas besseres Bild zeigt, besteht auch hier ein erheblicher Verbesserungsbedarf (Bucher-Koenen/ Lusardi, 2011; Wobker et al., 2012), denn knapp die Hälfte der Bevölkerung schneidet schon bei einfachen Tests zur Finanzbildung schlecht ab (vgl. z.B. Lusardi/ Mitchell, 2014). Trotz der Bedeutsamkeit finanzieller Grundbildung wird diese in deutschen Schulen kaum gefördert (Plickert, 2016). Vielmehr weist die Vermittlung bzw. die Entwicklung von Finanzkompetenz im Rahmen schulischer Allgemeinbildung erheblichen Optimierungsbedarf auf (Kaminski/ Friebel, 2012; Wobker et al., 2012). Dies ist für junge Menschen deshalb problematisch, weil sie sich künftig eher mehr als weniger mit Themen wie Altersvorsoge und vielschichtigen Finanzprodukten auseinandersetzen müssen. Dass die Vermittlung von finanzieller Grundbildung in der Schule langfristige Effekte haben kann, ist aus zahlreichen empirischen Studien bekannt (z.B. Bucher-Koenen/ Lusardi, 2011; Weyland et al., 2016; Kaiser/ Menkhoff, 2017).

Das erste Ziel unseres Forschungsprojekts besteht darin, die finanzielle Grundbildung von Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe II zu verbessern, und zwar in den klassischen Inhaltsfeldern der financial literacy, die in der Oberstufe typischerweise nicht unterrichtet werden: Umgang mit Geld, Vermögensbildung und Verschuldung sowie Inflation und Kaufkraftverlust. Dazu haben wir eine achtstündige Unterrichtseinheit mit kompetenzorientierten Aufgaben und verhaltensökonomischen Experimenten zu den klassischen Inhaltsfeldern der financial literacy entwickelt, die den Schülern über eine plattformunabhängige App zur Verfügung gestellt wird. Die Unterrichtseinheit wird von unserer Experimentalgruppe bearbeitet, die aus zehn zufällig ausgewählten Klassen und Kursen aus zehn Gymnasien und Gesamtschulen der Region Köln/Bonn/Siegen (ca. 250 Probanden) besteht. Unsere Kontrollgruppe I, die ebenfalls aus zehn zufällig ausgewählten Klassen und Kursen besteht, bearbeitet währenddessen klassische Oberstufen-Themen mit Finanzbezug, für die wir eine zweite achtstündige Unterrichtseinheit entwickelt haben. Im Mittelpunkt dieser Einheit, die sich an den aktuellen Richtlinien und Lehrplänen für die gymnasiale Oberstufe (Fach Sozialwissenschaften, NRW) orientiert, stehen die Funktionen des Geldes, die Geldpolitik der Zentralbank und die Herausforderungen der Eurokrise. Auch diese Unterrichtseinheit wird den Schülern über eine plattformunabhängige App zur Verfügung gestellt. Mithilfe dieses Untersuchungsdesigns möchten wir überprüfen, ob eine systematisch verankerte Finanzbildung überhaupt kurz- und vor allem langfristig „wirkt“ (Vergleich der Lernzuwächse der Experimentalgruppe mit der Kontrollgruppe I und der Kontrollgruppe II, die gar keinen Unterricht zum Thema erhält). Außerdem möchten wir herausfinden, inwiefern sich die oben dargestellten unterschiedlichen inhaltlichen Akzentuierungen der beiden Finanzbildungs-Gruppen auf die Lernergebnisse der Schülerinnen und Schüler auswirken – welche der beiden Schwerpunktsetzungen also die größeren und nachhaltigeren Lerneffekte hervorruft (Vergleich zwischen der Experimentalgruppe und der Kontrollgruppe I).

Als zweites Ziel wollen wir untersuchen, ob eine verbesserte finanzielle Grundbildung auch messbare und dauerhafte Auswirkungen auf zentrale ökonomische Präferenzen hat, nämlich auf Risikoeinstellungen und Zeitpräferenzen (intertemporale Entscheidungen beim Abwägen zwischen Gegenwart und Zukunft). Zu diesem Aspekt sind uns bisher keine Arbeiten bekannt. Finanzielle Grundbildung, so unsere Forschungshypothese, beeinflusst die individuellen Risikoabwägungen und Zeitpräferenzen und wirkt sich positiv auf das Entscheidungsverhalten der Probanden aus. Wenn wir Evidenz für unsere Hypothesen finden, dann bedeutet das, dass im Rahmen finanzieller Grundbildung nicht nur grundlegendes Wissen vermittelt werden kann, sondern darüber hinaus auch Präferenzen geformt werden können. Präferenzen, die genau in diesen Jugendjahren für risikoreiche Entscheidungen (z.B. Konsum von Drogen, ungeschützter Geschlechtsverkehr) und intertemporale Überlegungen (z.B. Investition in Bildung, Sparansätze) Ausschlag gebend sind (vgl. Albrecht et al., 2011; Moffitt et al., 2011; Dohmen et al., 2012; Sutter et al., 2013). Dieses Ergebnis wiederum würde eine Ergänzung der bestehenden Curricula zur Finanzbildung insbesondere im Sekundarbereich II nahelegen, denn hier dominiert bisher die – durchaus wichtige – Auseinandersetzung mit geldpolitischen Themen, während Aspekte einer finanziellen Grundbildung systematisch vernachlässigt werden.

Literaturverzeichnis

Albrecht, K., Volz, K., Sutter, M., Laibson, D., von Cramon, Y. (2011), What is For Me is Not For You: Brain Correlates of Intertemporal Choice for Self and Other. Social Cognitive and Affective Neuroscience 6: 218-225.

Bucher-Koenen, T., Lusardi, A. (2011), Financial Literacy and Retirement Planning in Germany. Journal of Pension Economics and Finance 10: 565-584.

Dohmen, T., Falk, A., Huffman, D., Sunde, U. (2012), The Intergenerational Transmission of Risk and Trust Attitudes, Review of Economic Studies 79: 645–677.

Lusardi, A., Mitchell, O. S. (2014), The Economic Importance of Financial Literacy: Theory & Evidence. Journal of Economic Literature 52: 5-44.

Kaminski, H., Friebel S. (2012), Finanzielle Allgemeinbildung als Bestandteil der ökonomischen Bildung, Arbeitspapier des Instituts für Ökonomische Bildung.

Kaiser, T., Menkhoff, L. (2017), Does Financial Education Impact Financial Literacy and Financial Behavior, and If So, When? The World Bank Economic Review 31(3): 611-630.

Mania, E., Tröster, M. (2014), Finanzielle Grundbildung – Ein Kompetenzmodell entsteht. Hessische Blätter für Volksbildung, 64(2), 136-145.

Moffitt, T. E., Arseneault, L., Belsky, D., Dickson, N., Hancox, R. J., Harrington, H., Houts, R., Poulton, R., Roberts, B. W., Ross, S., Sears, M. R., Thomson, W. M., Caspi, A. (2011), A Gradient of Childhood Self-Control Predicts Health, Wealth, and Public Safety. Proceedings of the National Acadademy of Sciences of the USA 108: 2693-2698.

OECD (2014), PISA 2012 Results, Students and Money: Financial Literacy Skills for the 21st Century. Volume VI, POSA, OECD Publishing. (See also  http://www.oecd.org/pisa/test/financialliteracytest/ Abruf 31.10.2017).

Plickert, P. (2016), Ein Volk von Ökonomie Analphabeten. FAZ, http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/die-deutschen-haben-eine-wissensluecke-bei-der-wirtschaft-14210013.html, Abruf 31.10.2017.

S&P Global FitLin: Klapper, L., Lusardi, A., von Oudheusden, P. (2015), Financial Literacy Around the World: Insights from the Standard & Poor’s Ratings Services Global Financial Literacy Survey http://gflec.org/wp-content/uploads/2015/11/Finlit_paper_16_F2_singles.pdf, Abruf 31.10.2017.

Sutter, M., Kocher, M., Glätzle-Rützler, D., Trautmann, S. (2013), Impatience and uncertainty: Experimental decisions predict adolescents’ field behavior. American Economic Review 103: 510-531.

Weyland, M., Schuhen, M., Schlösser, H.J., Schürkmann, S. (2016), Wirtschaftsdidaktische Wirkungsforschung. Zeitschrift für ökonomische Bildung (ZföB) 4: 110-135.

Wobker, I., Lehmann-Waffenschmidt, M., Kenning, P., Gigerenzer, G. (2012), What do People Know About the Economy? A Test of Minimal Economic Knowledge in Germany. Dresden Discussion Paper in Economics No. 3/12.