Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung, DeGÖB-Tagung 2018

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Freiheit als Co-Kreation
Gerhard Geissler

Gebäude: Freiburg im Breisgau
Raum: KG 4 R 222
Datum: 28.02.2018 09:30 – 11:00
Zuletzt geändert: 09.01.2018

Abstract


Problemhintergrund und Problemstellung

 

Ohne Freiheit sind wir nichts. Unserem Selbstverständnis als fühlende, denkende und handelnde Menschen ist ohne Freiheit der Boden entzogen. Allerdings zählt die Freiheit weder zur biologisch-natürlichen Ausstattung des Menschen, noch ist sie selbstverständliches Requisit der Gesellschaft; die Freiheit des einen ist ohne den anderen nicht zu haben. Es ist also nicht selbstverständlich frei zu sein! Freiheit bringt sich im sozialen Feld hervor, als labiles und stets neu zu bestimmendes Ergebnis einer wechselseitig aufeinander verweisenden Bedingung und Ermöglichung im Verhältnis von Individuum und Gesellschaft.

Zurzeit lässt sich beobachten, dass die gelingende Gestaltung dieses Bestimmungsverhältnisses für das Individuum zunehmend prekär wird. Dies ist auf eine gestiegene Komplexität der Gesellschaft einer vorangetriebenen Moderne zurückzuführen – Heinrich Willke resümiert daher mit Verweis auf dieses Signum der Gegenwart: „Die vermutlich umfassendste neue Bedrohung von Freiheit folgt aus Komplexität“ (Willke 2017, 37). Als ihre treibende Kraft wird vor allem die Hypertrophie einer sich verselbstständigenden Wirtschaft zitiert (Mayntz 1988, 23; Schimank 2006, 49), die aufgrund ihrer Dominanz und Dynamik eine „neue Unübersichtlichkeit“ (Habermas 1985) in der Gesellschaft bewirkt und die „Weltanverwandlung“ (Rosa 2016, 51) der Individuen blockiert. Zweifellos können Erziehung und Bildung wesentlich dazu beitragen, dieser kritischen Entwicklung zu trotzen und das auf Freiheit zielende Bestimmungsverhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft gelingend zu gestalten (Caruso 2006, 24).

An dieser Stelle setzt der vorliegende Beitrag an. Er ist dem Versuch gewidmet, der Zukunft der Freiheit eine Perspektive durch Ökonomische Bildung zu verleihen, die in der Entwicklung von Handlungsfähigkeit des Individuums in der Gesellschaft durch Entrepreneurship Erziehung wurzelt. Dafür wird Freiheit als emergentes Phänomen relationaler Bedingtheit im Verhältnis von Individuum und Gesellschaft betrachtet, die diesem Beziehungsgeflecht inhärente Komplexität aufgearbeitet und die Entrepreneurship Erziehung als möglicher Weg zur Ökonomischen Bildung vorgeschlagen. Für seine theoretische Rahmung greift der Beitrag auf konzeptionelle Überlegungen zurück, die das Bestimmungsverhältnis von Individuum und Gesellschaft auf zwar je unterschiedliche Weise thematisieren, deren Theoriearchitektur jedoch darauf verweist, dass die Hervorbringung von Freiheit auf Wechselseitigkeit, im Sinne einer Co-Kreation von Individuum und Gesellschaft, angewiesen ist.

 

Skizze einer theoretischen Rahmung

 

Ein elaborierter Zugang zum Begriff der Freiheit, der dem wechselseitigen Bestimmungsverhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft entspringt, findet sich in der Freiheitsphilosophie von Thomas Buchheim. Für ihn ist Freiheit, die Freiheit auch anders zu können. Einschränkend argumentiert er, Individuen haben Freiheit aber nicht, sondern erwerben sie – durch Aneignung in der Form von Erziehung und Bildung (Buchheim 2006, 146ff.). Dadurch werden sie befähigt, sich bewusst für Handlungen zu entscheiden, die im Unterschied zu einem bloß reaktiven Verhalten dazu geeignet sind, sich den durch Komplexität hervorgerufenen und vordergründig als faktisch gegeben empfundenen, freiheitsberaubenden gesellschaftlichen Zwängen auf eine Weise entgegenzustemmen, die freiheitserweiternd auf die Gesellschaft und damit auf ihre eigene Freiheit wirken.

Die Auseinandersetzung mit Komplexität und Komplexitätsreduktion ist Programm der Systemtheorie von Niklas Luhmann. Für ihn ist die hohe Komplexität die zentrale Haupteigenschaft der modernen Gesellschaft, und die Reduktion von Komplexität ihre Hauptaufgabe. Diese Aufgabe wird von Systemen erfüllt. Folgt man seinen Überlegungen, so sind die psychischen Systeme der Individuen und die sozialen Systeme der Gesellschaft zueinander Umwelt, weil sich die psychischen Systeme der Individuen über Bewusstsein und die sozialen Systeme der Gesellschaft und ihrer Teilbereiche über Kommunikation reproduzieren. Da die Umwelt eines Systems stets komplexer ist als das System selbst, entsteht für jedes System ein Selektionszwang, also die Notwendigkeit durch Komplexitätsreduktion aus dem Überangebot an Möglichkeiten der Umwelt zu wählen, was für die Fortsetzung der eigenen Operationen nötig ist. Diese Auswahl erfolgt anhand des Mediums Sinn (Luhmann 1984, 92ff.; Luhmann 1997, 44ff.), das als Ergebnis einer „sozial konditionierten Koproduktion von Bewusstsein und Kommunikation“ (Fuchs 2004, 106) historisch geformt, inhaltlich aber nicht vollständig determiniert ist. Sinn rückt somit bestimmte Handlungsmöglichkeiten in den Fokus, ohne dass dabei alternative Handlungsmöglichkeiten verloren gehen würden. Dadurch eröffnen sich Freiheitsoptionen für Handlungen, die für die Gestaltung des Bestimmungsverhältnisses zwischen Individuum und Gesellschaft konstitutiv sind (Jaeggi 2016, 328).

 

Nun gilt aber die Wirtschaft als ein komplexitätserhöhendes, „bis in die hintersten Winkel durchgreifendes Teilsystem der Gesellschaft“ (Luhmann 1981, 401). Der Kuratel ihrer Suggestionsformeln zu entkommen, Dispositionsspielräume für die Freiheit unter diesen Bedingungen zu erkennen, will aber gelernt und gekonnt sein. Die von Josef Aff entwickelte Konzeption von Entrepreneurship Erziehung könnte der dafür nötigen Ökonomischen Bildung Richtung verleihen. Das Modell lässt sich als Modus und Resultat einer gesellschaftlichen Ermöglichung und Rückwirkung von Handlungen, die durch ein zum Entrepreneur befähigtes Individuum ausgeführt werden, lesen (Geissler 2016, 108f.). Mit dieser Überlegung eröffnen sich Potentiale für eine auf Freiheit gerichtete Ökonomische Bildung. Denn einerseits besteht das Ziel der über die Unternehmensgründung weit hinausgehenden Entrepreneurship Erziehung darin, eine ökonomische Reflexionskultur zu entwickeln, die es einem Individuum erlaubt, ökonomische Entscheidungen auf ihre normativen Voraussetzungen kritisch zu hinterfragen (Aff/Geissler 2017, 22). Getragen von der Idee des gestaltenden Handelns, beinhaltet das Konzept andererseits ein breites Spektrum methodischer Überlegungen zur Förderung der Handlungsfähigkeit der Individuen.

Ein auf diese Weise entwickeltes Repertoire an Denk- und Handlungsmöglichkeiten folgt gleichermaßen der Luhmann’schen Programmatik einer „Aufklärung durch Abklärung“ (Luhmann 2009, 83) wie Buchheims Ansprüchen an eine bestimmte Qualität von Handlungen. Es ermöglicht dem Individuum das auf Freiheit zielende Bestimmungsverhältnis zwischen ihm und der Gesellschaft durch Ökonomische Bildung in Co-Kreation zu gestalten, weil es gelernt hat, trotz gesellschaftlicher Komplexität sozial konditionierte Sinnformen mit alternativen Anschlüssen zu denken und in konsequent geführte Handlungsweisen zu übersetzen.

Versteht man mit Josef Aff, die Wirtschaftspädagogik als Integrationswissenschaft zwischen den Polen der Wirtschafts- und der Erziehungswissenschaft (Aff 2008, 8), erweist sich die Wirtschaftspädagogik als geradezu prädestiniert, die Freiheit als Mission zu erklären. Schließlich ist es ihre Aufgabe nicht nur anzuleiten, wie wirtschaftswissenschaftliches Wissen gekonnt vermittelt werden kann, sondern darüber hinaus Haltungen zu entwickeln, die es dem Individuum ermöglichen, über die Bedingungen und Wirkungen des ökonomischen Handelns zu reflektieren. Mit den hier vorlegten Überlegungen kehrt die Wirtschaftspädagogik in neuem Stil zu Ursprüngen zurück, wie sie beispielsweise von Theodor Franke (Bank/Lehmann 2014) oder Hans Krasensky (Tafner 2015) einst angelegt wurden – wissend: Ohne Freiheit sind wir nichts.

 

Literatur

 

Aff, Josef (2008): Pädagogik oder Wirtschaftspädagogik? Anmerkungen zum Selbstverständnis der Disziplin. In: Gramliner, Franz/Schlögl, Peter/Stock, Michaela (Hrsg.): Berufs- und Wirtschaftspädagogik Online, Spezial 3, S. 1-14. Online verfügbar unter: http://www.bwpat.de/ATspezial/aff_atspezial.pdf, zuletzt geprüft am 28.11.2017.

Aff, Josef/Geissler, Gerhard (2017): Der Entrepreneur als Leitfigur der Ökonomischen Allgemeinbildung. In: Arndt, Holger (Hrsg.): Perspektiven der Ökonomischen Bildung. Disziplinäre und fächerübergreifende Konzepte, Zielsetzungen und Projekte. Schwalbach/Ts. S. 15-31.

 

Bank, Volker/Lehmann, Annekathrin (2014): Theodor Franke. Sächsischer Pionier wirtschaftspädagogischen Denkens in Deutschland. In: Seifried, Jürgen/Faßhauer, Uwe/Seeber, Susan (Hrsg.): Jahrbuch der berufs- und wirtschaftspädagogischen Forschung 2014. Online verfügbar unter: http://www.pedocs.de/volltexte/2014/9723/pdf/Seifried_JB_berufs_wirtschaftsp_Forschung_2014_Bank_Lehmann_Theodor_Franke.pdf, zuletzt geprüft am 28.11.2017.

 

Buchheim, Thomas (2006): Unser Verlangen nach Freiheit. Kein Traum, sondern Drama mit Zukunft. Hamburg.

 

Caruso, Marcelo (2006): Der umgekehrte Pfeil. Analytische und politische Potenziale der Idee einer „Bildungsgesellschaft“. In: Zeitschrift für Pädagogik, 52/2006, 1, S. 19-26.

 

Fuchs, Peter (2004): Theorie als Lehrgedicht. Systemtheoretische Essays I hg. von Marie-Christin Fuchs. Bielefeld.

 

Habermas, Jürgen (1985): Die neue Unübersichtlichkeit. Berlin.

 

Geissler, Gerhard (2016): Der Entrepreneur als Verteidiger der Freiheit. In: Greimel-Fuhrmann, B./Fortmüller, R. (Hrsg.): Facetten der Entrepreneurship Education. Wien, S. 105–112.

 

Jaeggi, Rahel. (2016): Entfremdung. Zur Aktualität eines sozialphilosophischen Problems. Mit einem neuen Nachwort. 2. Auflage. Berlin.

 

Luhmann, Niklas (1981): Organisationen im Wirtschaftssystem. In: Luhmann, Niklas (Hrsg.): Soziologische Aufklärung. Band 3. Opladen. S. 390-414.

 

Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Frankfurt/Main.

 

Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt/Main.

 

Luhmann, Niklas (2009): Soziologische Aufklärung 1. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme. 8. Auflage. Wiesbaden.

 

Mayntz, Renate (1988): Funktionelle Teilsysteme in der Theorie sozialer Differenzierung. In: Mayntz, Renate/Rosewitz, Bernd/Schimank, Uwe/Stichweh, Rudolf (Hrsg.): Differenzierung und Verselbständigung. Zur Entwicklung gesellschaftlicher Teilsysteme. Frankfurt am Main/New York, S. 11-44.

 

Rosa, Hartmut (2016): Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin.

 

Schimank, Uwe (2006): Gesellschaftliche Teilsysteme und Strukturdynamiken. In: Volkmann, Ute/Schimank, Uwe (Hrsg.): Soziologische Gegenwartsdiagnosen II. Vergleichende Sekundäranalysen. Wiesbaden, S. 15-49.

 

Tafner, Georg (2015): Reflexive Wirtschaftspädagogik. Wirtschaftliche Erziehung im ökonomisierten Europa. Eine neo-institutionelle Dekonstruktion des individuellen und kollektiven Selbstinteresses. Detmold.

 

Willke, Helmut (2017): Komplexe Freiheit. Dispositive der Freiheit unter Bedingungen globaler Komplexität und Kontingenz. In: Lehmann, Maren/ Tyrell, Marcel (Hrsg.): Komplexe Freiheit. Wie ist Demokratie möglich? Wiesbaden, S. 23-47.