Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung, DeGÖB-Tagung 2018

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Entwicklung von persönlichen Entwicklungsplänen im Kontext der Digitalisierung
Martin Dr Kröll

Gebäude: Freiburg im Breisgau
Raum: R2
Datum: 27.02.2018 09:00 – 11:00
Zuletzt geändert: 09.01.2018

Abstract


(1)   Einstieg

Im Mittelpunkt der nachfolgenden Ausführungen stehen die Projektergebnisse aus dem dreijährigen EU-Projekt „Job Developer“, das unter der Trägerschaft der Nationalen Agentur beim BiBB mit EU-Mitteln finanziert wird (www.jobdeveloper.eu). Zunächst werden aber die zentralen Merkmale und die Aufgabenstellung dieses EU-Projekts herausgearbeitet.

Ziel des Projekts ist es, den jugendlichen Arbeitssuchenden trotz ihrer schwierigen Situation ausgehend von der Freiheit ihrer Zukunftsgestaltung zu unterstützen Dabei geht es darum ihnen Tools an die Hand zu geben, damit sie über ihre persönliche Situation in für sie vorteilhafter Weise reflektieren können. Dabei wird auf ein Konzept der Stiftung der SHS/minipreneure gGmbH zurückgegriffen, das von dieser Organisation entwickelt wurde und sich in den letzten neun Jahren bewährt hat (Hartz & Petzhold, 2014). Die Aufgabe des Projekts ist es dieses Konzept in fünf EU-Ländern (Bulgarien, Griechenland, Litauen, Spanien und Ungarn) zu implementieren und vor dem Hintergrund der kulturellen Gegebenheiten anzupassen.

(2)   Problemsituation als Ausgangspunkt

Die registrierte Jugendarbeitslosigkeit ist zwar in den letzten Jahren in den meisten EU-Ländern gesunken, doch befindet sich immer noch auf einem hohen Niveau. So liegt sie in Ländern wie Griechenland 2017 zwischen 45% und 40% und in Spanien zwischen 41% und 38% (Eurostat, 2017). In der Regel ist die Rate der Jugendarbeitslosigkeit doppelt so hoch wie die Gesamtrate der Arbeitslosigkeiten in dem jeweiligen Land. Dabei stellen die höchste Risikogruppe innerhalb der jugendlichen Arbeitslosen vorzeitige Schul- und Ausbildungsabgänger dar – von dieser Personengruppe haben 55% keine Beschäftigung, obwohl 70% dieser Gruppe einer Tätigkeit nachgehen wollen (EU-Kommission, 2015).

Das Projekt „Job Developer“ verfolgt das Ziel, einen Beitrag zur Reduzierung der Jugendarbeitslosigkeit in Europa zu leisten. Es geht darum, die Potentiale und Talente der jungen Erwachsenen in einem breiten Spektrum zu erfassen, Beschäftigungsmöglichkeiten herauszuarbeiten und vor diesem Hintergrund einen persönlichen Entwicklungsplan zu entwerfen (Kröll & Vos, 2013) und diesen mit Hilfe von Experten zu reflektieren.

Dabei erweist sich das Projekt Job Developer insbesondere von Vorteil, da es nicht nur auf das Prinzip des lebenslangen Lernens setzt, sondern den Teilnehmern auch die Möglichkeit bietet, neue Dienstleistungen zu kreieren. Die anschließenden beruflichen Kompetenzentwicklungsmaßnahmen können dann auf die neu geschaffenen Dienstleistungen ausgerichtet werden.

(3)   Aufgabenstellung des Projekts „job developer“

Die Entwicklung von persönlichen Entwicklungsplänen für die arbeitsuchenden Jugendlichen stellt eine zentrale Aufgabenstellung des Projekts dar. Ausgangspunkt sind dabei der Einsatz der Talentdiagnose, die Nutzung des Konzepts des Beschäftigungsradars und die Durchführung eines Expertenhearings.

Im Zusammenhang mit der Talentdiagnostik wurden verschiedene Tools bzw. Tests eingesetzt. Im Fokus steht dabei die Stärken Jugendlichen herauszuarbeiten (Kröll, 2015). Dabei ist zu beachten, dass die Tools die jeweiligen Jugendlichen nicht primär als Objekte behandeln. Letzteres steht im Widerspruch zur Grundphilosophie „Mach Dich selbst zum Projekt!“. Die Stärken unterliegen der Gefahr, dass sie von den Jugendlichen übersehen werden.

Zentrale Strategien im Zusammenhang mit dem Konzept des Beschäftigungsradars sind: „Finden“, „Bobachten“ und „Generieren“ von Job-Möglichkeiten (Van der Heijden & Van der Heijden, 2006). Bei der Umsetzung der Strategien können verschiedene Software-Programme eingesetzt werden. Ein Beispiel ist die Microm-Datenbank, welche Sinus-Milieus in verschiedenen Ländern erstellen und auf einer geografischen Karte identifizieren kann. Nach Identifikation der Milieus z.B. mit Hilfe von Geo-Maps, sollen Vor-Ort-Interviews mit der Zielgruppe durchgeführt werden, um die Nachfrage nach bestimmten Produkten oder Dienstleistungen sowie die Bedürfnisse der Zielgruppe zu ermitteln. Mit Hilfe von Fragebögen und moderierten Diskussionen konnte zusammen mit den Multiplikatoren in den EU-Ländern herausarbeiten, auf welche Stärken aus der Sicht des Beschäftigungsradars in den einzelnen Ländern Bezug genommen werden kann. Die jungen Erwachsenen werden motiviert, eine Dienstleistung, auf Basis von Jobfamilien (siehe Konzept der SHS/minipreneure gGmbH) (Hartz & Petzhold, 2014), anzubieten.

Im Anschluss an die Durchführung des Beschäftigungsradars und der Talentdiagnose findet das Expertenhearing statt. Die Teilnehmer sind Experten für die Talentdiagnose, den Beschäftigungsradar und Personen aus der Wirtschaft, von Arbeitsämtern, Karrierezentren und jeder, die Interesse daran haben, zu helfen.

Das Job Developer-Konzept ist darauf ausgerichtet, junge Arbeitssuchende ganz konkret in eine Beschäftigung (ein Arbeitsverhältnis oder eine selbständige Tätigkeit) einzuführen. Dabei greift das Konzept auf die „Job Developer“ zurück, die die jungen Erwachsenen als Mentoren im gesamten Prozess begleiten, sowie auf ein „Expertenhearing“. Dieses Gremium verfügt über das nötige Know-how, um Empfehlungen für konkrete Jobs bzw. Beschäftigungsmöglichkeiten, meist bezogen auf die regionalen Gegebenheiten im Lebensumfeld des Arbeitssuchenden, zu unterbreiten. Solche Beschäftigungsmöglichkeiten können, so die Idee des Beschäftigungsradars, durch die Kreierung von neuen Dienstleistungen entstehen.

Im Rahmen des Projektes wird zurzeit an einem Konzept für ein Zertifikatsprogramm zum „Job developer“ gearbeitet, dass in den einzelnen EU-Ländern evaluiert wird. Für dieses Zertifikatsprogramm werden fünf Selbstlernmodule entwickelt. Die einzelnen Module sowie auch das gesamte Zertifikatsprogramm dienen u.a. der Kompetenzentwicklung, um den Einsatz des Beschäftigungsradars auch nach Ende des Projekts zu gewährleisten. Der Zielgruppe sollen Kompetenzen vermittelt werden, um unternehmerische Aktivitäten adäquat zu unterstützen (Remmele et al. 2008). Die Module dienen explizit der Verwirklichung der folgenden Ziele: die berufliche Entwicklung von Lehrkräften und Ausbilder/innen im Bereich berufliche Bildung, die Steigerung der Relevanz der beruflichen Bildung für den Arbeitsmarkt und die Entwicklung von Basis- und Querschnittskompetenzen mit Hilfe innovativer Methoden. In einigen Ländern wird darüber nachgedacht, das Modulprogramm zum Job Developer in Studiengänge wie bspw. Entrepreneurship als Wahlmodul aufzunehmen.

Parallel zu der Erarbeitung eines „Job developer“-Profils samt Kompetenzen und Tätigkeitsbeschreibung und begleitender Evaluation in zahlreichen Projektmaßnahmen in den EU-Partnerländern und in Deutschland wurde an der Entwicklung und kontinuierlichen länderspezifischen und konzeptionellen Anpassung eines Trainings-Konzeptes für potenzielle „Job Developer“ gearbeitet. Ein Pool von potenziellen „Job Developern“, die sich bereit erklärt haben, an der Pilotanwendung des Konzeptes des Beschäftigungsradars mitzuwirken, wurde in jedem Land aufgebaut. Auch die angestrebten Kooperationen mit den Agenturen für Arbeit, Karrierezentren, weiterbildenden Schuleinrichtungen, Jugendorganisationen sowie regionalen und kommunalen Strukturen wurden gefestigt, um die erfolgreiche Durchführung der Pilotanwendung zu sichern.

(4)   Projektergebnisse

In Bezug auf die Wirkung des Projektes „Job Developer“ ist es nicht nur von Bedeutung, dass die zu transferierenden Instrumente und Konzepte zum Beschäftigungsradar bei den Akteuren auf große Akzeptanz stoßen, sondern auch, dass die entsprechenden Akteure wie Organisatoren, potenzielle Job Developer, junge Erwachsenen, aber auch die lokalen, regionalen und nationalen Stakeholder über den Einsatz und die länderspezifische Anwendung der Instrumente und Konzepte reflektieren. Vor diesem Hintergrund wird projektbegleitend eine länderspezifische Stärken- und Widerstandsanalyse in den EU-Ländern durchgeführt, die die Grundlage für eine „Machbarkeitsstudie“ bietet. Die Ermittlung der Potenziale und Widerstände verläuft im Projekt in mehreren aufeinander aufbauenden Aktivitäten, so dass für die Abschlussanalyse unterschiedliche Quellen und Expertenmeinungen berücksichtigt werden können. Gemeinsam mit den Projektpartnern vor Ort wurde ein Überblick über die Kompetenzanforderungen des lokalen Arbeitsmarktes in dem jeweiligen Land herausgearbeitet. Dabei ging es um folgende Fragen Welche Beschäftigungsmöglichkeiten sind zurzeit vorhanden? Welche Kompetenzen werden „gebraucht“? Gibt es Diskrepanzen zwischen den Anforderungen des Arbeitsmarkts und der Qualifikation der Jugendlichen? Über welche Qualifikationen verfügen die jungen Arbeitslosen (18+)? Aber auch in Richtung bereits vorhandener (Weiter-)Bildungsangebote, die auf diese Diskrepanz reagieren, wurde recherchiert. Das Ziel war, bereits zu Beginn des Projektes an bestehende Strukturen anzuknüpfen und diese als Potenzial für die Implementierung des Konzeptes zu nutzen, aber auch die Widerstände nicht außer Acht zu lassen.

Um einen Innovationserfolg zu begünstigen, wurde für die jeweiligen EU-Länder die Frage gestellt, wer die Rollen des Macht-, Fach- und Prozesspromotors übernehmen kann bzw. übernommen hat (Hauschildt & Salomo, 2011/5). Im weiteren Verlauf wird eingeschätzt, ob die Widerstände als (1) mit geringem Aufwand überwindbar, (2) mit hohem Aufwand überwindbar oder (3) nicht überwindbar eingeschätzt werden. Auf dieser Basis konnte dann entschieden werden, wie mit den Widerständen umgegangen werden soll und welche Maßnahmen sich dabei als geeignet erweisen. Zu einer Reflexion der Gegebenheiten und Möglichkeiten gehört dabei auch die Sammlung und Aufbereitung der Erfahrungen aus der Anwendung der Instrumente. Diese beziehen sich auf die jeweiligen länderspezifischen Gegebenheiten. Hierbei wird zwischen der rechtlichen, gesellschaftlichen, kulturellen, wirtschaftlichen und bildungspolitischen Dimension unterschieden.

Für die Anwendung von einzelnen Tools, wie zum Beispiel der standardisierte Test zur Bestimmung kognitiver Leistungsfähigkeit und Interessensbereiche, die im Rahmen der Talentdiagnose für Deutschland entwickelt wurden, mussten von den EU-Partnern länderspezifische Lösungen gefunden werden. Das gleiche gilt auch für die fehlenden Untersuchungen der Sinus Milieus und Geodaten in einigen Partnerländern, die dafür notwendig sind, die Kundenbestimmung und -lokalisierung durchzuführen. Diese und weitere Erkenntnisse werden kontinuierlich für die Widerstands- und Potenzialanalyse gesammelt und für die weitere Planung und Implementierung im Projekt berücksichtigt.

 

Literatur

EU (2013). Entrepreneurship Education - A Guide for Educators.Vorwort Brüssel.

EU-Kommission (2015) http://ec.europa.eu/social/main.jsp?catId=1036&langId=de

Eurostat (2017) http://ec.europa.eu/eurostat/tgm/table.do?tab=table&plugin=1&language=
de&pcode=teilm021
, letzter Zugriff 3.12.2017.

Hartz P, Petzhold Hilarion G. (Hrsg.) (2014) Wege aus der Arbeitslosigkeit. Minipreneure. Chancen um das Leben neu zu gestalten – Zur Bewältigung von Langzeitarbeitslosigkeit, Springer Fachmedien, Wiesbaden.

Hauschildt, J. & Salomo, S. (2011/5): Innnovationsmanagement. 5. Aufl., Verlag Franz Vahlen München.

Kröll M (Hrsg.) (2015) Europäische Arbeitsmarktstrategien auf dem Prüfstand. Berlin.

Kröll M, Vos B (2013) Selbstlernmaterial zur Kompetenzmessung und –beurteilung. In: Kröll, M. (Hrsg.): Studienkonzepte zur Qualifikation von Führungskräften, Mitarbeitern von Personalabteilungen und Kompetenzexperten. Nr. 1 Bochum.

Remmele et al. (Hrsg.) (2008). Educating Entrepreneurship. Didaktische Ansätze und europäische Perspektiven. DVU

Van der Heijde CM., Van der Heijden BIJM (2006) A competence-based and multidimensional operationalization and measurement of employability. In: Human Resource Management, Vol. 45, No. 3, 449-476.