Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung, DeGÖB-Tagung 2018

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Zur Entwicklung eines Kompetenzmodells zur Bewältigung der Anforderungen in Krisensituationen des Gründungsprozesses
Anh Dinh, Marina Haves, Thomas Retzmann

Gebäude: Freiburg im Breisgau
Raum: KG 4 R 206
Datum: 27.02.2018 16:30 – 18:00
Zuletzt geändert: 09.01.2018

Abstract


In der Charta der Grundrechte der Europäischen Union ist die unternehmerische Freiheit (Artikel 16) aus rechtlicher Perspektive kodifiziert. Die Studie der European Union Agency for Fundamental Rights (FRA 2015) hebt vor, dass im Hinblick auf dieses Recht noch einige Herausforderungen zu meistern sind, unter anderem die Integration unterrepräsentierter Gruppen (Migranten, Frauen, Jungunternehmer etc.). Im Besonderen fehlen Jungunternehmerinnen und Jungunternehmern die praktischen Erfahrungen, aber auch ein unterstützendes, berufliches Netzwerk (liabilities of newness, liabilities of smallness, liabilities of adolescence).

In der Praxis entspricht die Gründung eines Unternehmens nicht zwangsläufig – vermutlich sogar nur in Ausnahmefällen – einem hürdenlosen, (positiven) Entwicklungsprozess. Neben dem dynamischen, interdependenten und risikobehafteten Ökosystem (vgl. Ries 2017; Krueger & Dickson 1994, Schindehutte et al. 2012) sind auch Hürden hinsichtlich „komplexe und zeitaufwändige Verfahren, Probleme beim Zugang zu Finanzmitteln, Hindernisse für den Zugang zum Recht, wie zum Beispiel langwierige und kostenintensive Gerichtsverfahren, und das Fehlen alternativer Streitbeilegungsverfahren“ zu überwinden (FRA 2015[1]). Der Abbruch von Gründungsprojekten ist kein seltenes Phänomen. Ungefähr jedes dritte Gründungsprojekt übersteht die ersten drei Jahre nicht (vgl. KfW Gründungsmonitor 2017).

Aus individueller und sozialer Perspektive haben Gründerinnen und Gründer weitere Hindernisse zu überwinden. In der gesellschaftlichen Rezeption werden unternehmerische Tiefpunkte und Krisen, der Abbruch von Projekten – in seinen negativen Konnotationen besonders akzentuiert durch Begriffe wie Fehler, Fehlschläge und Scheitern, sozial anders bewertet als unternehmerischer Erfolg. Darüber hinaus ist die Einstellung in der Bevölkerung gegenüber unternehmerischen Fehlschlägen negativer als gegenüber allgemeinen Fehlschlägen (vgl. Kuckertz et al. 2015). Die Angst vor dem Scheitern kann letztlich in der Vermeidung von entrepreneurialen Aktivitäten münden (vgl. Kollmann et al. 2017). Deshalb ist Hedner et al. (vgl. 2011) zuzustimmen, wenn sie betonen, dass neben innovativem Verhalten auch der unternehmerische Umgang mit Schwierigkeiten, Fehlern und Niederlagen untersucht werden muss, um ein umfassendes Verständnis für Entrepreneurship zu entwickeln. Während die Perspektive der Opportunity-Recognition und Exploitation auf die Wahrnehmung, Entdeckung und Erschließung von Möglichkeiten abzielt, also primär intentionale, respektive motivationale Prozesse fokussiert (goal setting), werden mit der krisen- und fehlerbasierten Perspektive stärker Prozesse der Umsetzung, Volition und Persistenz fokussiert (goal striving). Diese Perspektiven sind nicht als rivalisierende zu denken, sondern als sich ergänzende.

In diesem thematischen Kontext ordnet sich das Projekt „Mastering the Crisis“ ein. Dabei wird das Ziel verfolgt, ein bestimmtes Situationsmuster aus dem Realphänomen Gründung für die didaktische Gestaltung nutzbar zu machen, nämlich Krisen und Scheitern im Gründungsprozess. Dabei stellt sich die Frage inwieweit ökonomische Bildung einen Beitrag dazu leisten kann, dass Gründerinnen und Gründer sich aus den oben aufgezeigten Zwängen befreien können. Zu diesem Zweck werden ein theoretisch und empirisch fundiertes Kompetenzmodell zur Erhöhung des Bewältigungspotenzials in krisenhaften Situationen konstruiert, darauf aufbauend ein Lehr-Lernkonzept entwickelt, implementiert und evaluiert.

Angesichts des oben ausgewiesenen Erkenntnisinteresses ist das Projekt der gestaltungsorientierten, fachdidaktischen Forschung zuzurechnen (Design-Research Ansatz, vgl. Collins 1992; Edelson 2002; Sandoval & Bell 2010). In Anlehnung an die Methodologie von McKenney und Reeves (2012) besteht das Projekt aus Phasen: Theoretische Analyse & empirische Exploration (phänomenales Erkenntnisinteresse, Konstruktion eines Kompetenzmodells), Design und Evaluation (aktionales Erkenntnisinteresse).

In der ersten Projektphase wurde das Realphänomen der krisenhaften Situationen im Gründungsprozess durch eine Literaturrecherche und –analyse systematisch untersucht. Der Schwerpunkt lag dabei auf der individuellen Perspektive der Krisenbewältigung im Gründungsprozess. Konzepte aus der Lernpsychologie und der Entrepreneurship wurden im Hinblick auf ihre Eignung für die Konstruktion eines Kompetenzmodells analysiert. Strukturiert wurde die Analyse im Hinblick auf einen aktiven (Krisenvermeidung), reaktiven (Krisenbewältigung) und reflektiven (Krisennachbereitung) Umgang mit krisenhaften Situationen. Im Vortrag soll die reaktive Phase der Krisenbewältigung zur Diskussion gestellt werden. Anknüpfungspunkte bieten dabei unter anderem die Entscheidungslogik unter Unsicherheit nach Sarasvathy (vor allem das Lemonade- und Affordable Loss-Prinzip), das Prinzip des Minimum Viable Produkt des Lean Startup Ansatzes (Ries 2014), das Phänomen des Escalation of Commitment (McMullen & Kier 2016), aber auch Konzepte aus der Lernpsychologie zu Attributionsstilen (u.a. Weiner 1985).


[1]Verfügbar unter: http://fra.europa.eu/de/press-release/2015/unternehmerische-freiheit-bedeutet-wachstum-und-beschaftigung-fur-europa [abgerufen am 02.12.2017]