Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung, DeGÖB-Tagung 2018

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Freie Berufswahlentscheidungen von Mädchen? Zur Bedeutung berufsbezogener Überzeugungen am Beispiel der IT-Berufe
Astrid Lange

Gebäude: Freiburg im Breisgau
Raum: KG 4 R 206
Datum: 27.02.2018 09:00 – 11:00
Zuletzt geändert: 18.01.2018

Abstract


Die trotz aller Bemühungen noch immer niedrige Partizipationsrate von Frauen in IT-Berufen und -Studiengängen (z.B. Baethge et al., 2015; Bundesagentur für Arbeit, 2015; Charbonnier, Normandeau, & Gonzalez, 2015; Quaiser-Pohl, 2012) stellt Industriestandorte wie Deutschland vor grundlegende bildungs- wie auch wirtschaftspolitische Herausforderungen. Ein einheitliches, allgemein anerkanntes Erklärungsmodell für die geringe Beteiligung von Frauen in den IT-Bereichen existiert bis heute nicht; stattdessen müssen multiple Erklärungsfaktoren auf unterschiedlichen Erklärungsebenen berücksichtigt werden.

Aus diesem Problem ergibt sich dringender Handlungsbedarf für die schulische Berufsorientierung. Diese soll die „Berufswahlchancen junger Menschen durch institutionelle, strukturelle und didaktische Hilfen“ (Beinke, 2011, S. 22) verbessern. Auf individueller Ebene kann Berufsorientierung „als Resultat eines Verarbeitungsprozesses gesehen werden, in dem eine Person versucht, ihr berufliches Selbstkonzept unter dem Einfluss psychosozialer Laufbahnerwartungen einerseits und unter Berücksichtigung der Gegebenheiten der Berufs- und Arbeitswelt andererseits in eine berufliche Laufbahn umzusetzen“ (Bergmann & Eder, 1995, S. 4). Auf schulischer Ebene geht es um die Bereitstellung von Angeboten zur Orientierung, Information und Beratung der SchülerInnen in Bezug auf die Berufswelt (Schwarze, 2015, S. 31-34). Dabei gilt es, Dynamiken der Berufswelt zu berücksichtigen, wie aktuell v.a. die Anforderung, vermehrt weibliche IT-Fachkräfte zu gewinnen.

Eben die wird Im BMBF-geförderten Forschungsprojekt „Entwicklung eines virtuellen IT-Berufs- und -Studienorientierungsangebots für Frauen (BeSt F:IT)“ angegangen. Wir wollen dazu beitragen, Schülerinnen für IT-Berufsfelder zu begeistern. Tatsächlich beruhen laut aktuellem Erkenntnisstand Berufsentscheidungen auf dem „Zusammenwirken von attitudes (Einstellungen/Haltungen), beliefs (Überzeugungen/Meinungen) und [tatsächlichen und subjektiv wahrgenommenen] competencies (Fähigkeit/Können)“ (Meyer, 2014, S. 2, Herv. anders). Falsche, oftmals stereotype Vorstellungen von IT-Berufsfeldern halten Mädchen davon ab, IT-Berufe oder –Studiengänge überhaupt als ernste Alternative zu prüfen (z.B. acatech & Körber-Stiftung, 2015). Die aktuellen Erkenntnisse untermauern insgesamt die kaum zu unterschätzende Bedeutung von persönlichen, nicht zwangsweise realistischen Meinungen, Vorstellungen und Bildern, die SchülerInnen sich von der Welt machen.

Im Rahmen des BeSt F:IT – Projektes wollen wir in sogenannten ABC-Analysen die attitudes, beliefs und competencies von Schülerinnen in Bezug auf speziell ausgewählte IT-Berufsfelder analysieren und mit denen von Schülern mit hohem und geringem IT-Berufsinteresse vergleichen. Als theoretische und Empirie-leitende Grundlage dient uns die Theorie des geplanten Verhaltens, welche schon in vorausgehenden Erhebungen ein nützliches Gerüst lieferte.

Im Rahmen unseres Tagungsbeitrages werden wir das Forschungsprojekt vorstellen, die Erkenntnisziele, den Erkenntnisstand und unser Vorgehen bei der ABC-Analyse konkretisieren, erste Befunde diskutieren und Implikationen für die Berufsorientierung, welche speziell darauf ausgerichtet ist, Schülerinnen für IT-Berufsfelder zu begeistern, präsentieren.

 

QUELLEN:

acatech, & Körber-Stiftung. (2015). MINT Nachwuchsbarometer 2015. Fokusthema: Berufliche Ausbildung (Trendreport zu individuellen Motivationen und gesellschaftlichen Entwicklungen bei MINT-Studiengängen und -Berufen). München: Körber-Stiftung. Retrieved from: https://www.koerber-stiftung.de/wissenschaft/schwerpunkt-lust-auf-mint/mint-nachwuchsbarometer/barometer-2015.html

Baethge, M., Cordes, A., Donk, A., Kerst, C., Wespel, J., Markus, W., & Winkelmann, G. (2015, Februar). Bildung und Qualifikation als Grundlage der technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands 2015 (Studien zum deutschen Innovationssystem Nr. 1-2015). Berlin: Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI). Retrieved from: http://www.e-fi.de/fileadmin/Innovationsstudien_2015/StuDIS_01_2015.pdf

Beinke, L. (2011). Zentrale Gegenstandsbereiche einer berufsorientierten Didaktik: Rückblick und Perspektive. Hohengehren: Schneider.

Bergmann, C., & Eder, F. (1995). Beruf und Berufsberatung. In L. v. Rosenstiel, C. M. Hockel, & W. Molt (Hrsg.), Handbuch der Angewandten Psychologie (S. V-4/ 1-16). Landsberg: ecomed.

Bundesagentur für Arbeit. (2015, Mai). Der Arbeitsmarkt für IT-Fachleute in Deutschland (Statistik/Arbeitsmarktberichterstattung). Nürnberg: Bundesagentur für Arbeit. Retrieved from: http://statistik.arbeitsagentur.de/Navigation/Statistik/Arbeitsmarktberichte/Branchen-Berufe/Branchen-Berufe-Nav.html

Charbonnier, E., Normandeau, S., & Gonzalez, G. R. (2015, March). Education and employment: What are the gender differences (Education Indicators in Focus (EDIF) 35). Paris: OECD Publishing. Retrieved from: http://www.oecd.org/edu/skills-beyond-school/EDIF-2015-No-30-ENG.pdf

Meyer, R. (2014). Berufsorientierung im Kontext des Lebenslangen Lernens – berufspädagogische Annäherungen an eine Leerstelle der Disziplin. bwp@, 2014(27), 21p. Retrieved from http://www.bwpat.de/ausgabe27/meyer_bwpat27.pdf

Quaiser-Pohl, C. (2012). Mädchen und Frauen in MINT: Ein Überblick. In R. Stöger, A. Ziegler & M. Heilemann (Hrsg.), Mädchen und Frauen in MINT: Bedingungen von Geschlechtsunterschieden und Interventionsmöglichkeiten (S. 13-40). Berlin: LIT.

Schwarze, B. (2015). Berufs- und Studienorientierung als komplexer Prozess mit diversen Wirkungen: Ursachen und Konsequenzen von Berufsorientierungsprojekten. In S. Augustin-Dittmann & H. Gotzmann (Eds.), MINT gewinnt Schülerinnen: Erfolgsfaktoren von Schülerinnen-Projekten in MINT (pp. 17-52). Wiesbaden: Springer VS. doi: 10.1007/978ö3ö658-03110-7_2